Zwei einsame Freunde mitten im Chaos Indien 1998

Das Team zerbrach

Kurz nach unserer Ankunft wieder in „Trivandrum“ im südlichen Indien, fuhren wir sofort nach Norden immer an der Westküste entlang. Unser gestecktes Ziel war vorerst „Goa“ auch bekannt als Hippie Paradies der 60er. Hier sollte Ronny’s Radfahrt mit uns enden. Die Stimmung war äußert schlecht und es kam immer wieder zu Streitereien mit Gil. In der alten Stadt „Ernakulam“ im Stadtteil „Kochi“ gipfelte die negative Stimmung in einem Wutausbruch von Gil und er entschied sich, allein weiter zu fahren. Peer war fortan nur noch mit Ronny unterwegs und beide machten sich am nächsten Tag sofort auf den Weg nach Goa.

Indisches Restaurant, Kerala, Süd-Indien

Unterwegs gab es weitere Herausforderungen, darunter der chaotische Verkehr Indiens und die schwüle Hitze des Südens. Wir schlugen unser Zelt eines Abends in einem hinduistischen Tempelgarten auf. Am Morgen weckten uns fast 50 Kinder und wichen nicht von unserer Seite, bevor wir uns auf die Räder setzten und davon fuhren. Es gab überhaupt gar keine Privatsphäre und das war äußerst anstrengend. Es war immer besser, ein Hotelzimmer zu nehmen als draußen zu übernachten, da war einheimischer Besuch gewiss. Sogar bei der Toilette im Busch winkten auf einmal Inder um die Ecke. Wo die so plötzlich herkamen, war uns ein Rätsel.

Eines Tages zerbrach aus heiterem Himmel Ronny’s Gepäckträger an der Sattelstütze und die schweren Taschen krachten nach hinten auf die Straße. Die Inder sind ein äußerst begabtes Volk im Reparieren und Improvisieren. In einer Werkstatt gleich an der Straße in der Nähe hatte sie das Problem recht schnell behoben und es konnte weiter gehen.
In Süd-Goa machten wir als erstes in „Palolem Beach“ halt und mieteten uns in ein Zimmer ein. Ein Ekel erregendes Ereignis war der Toilettengang. Dort warteten die Schweine der Hotel-Besitzer schon auf ihre Mahlzeit, kaum zu glauben aber wahr. Jetzt verstanden wir, warum Schweine im Islam wirklich unrein sind.

Die Zeit der Versöhnung

Einen Tag später schaute ich durch Zufall um die Ecke – da lehnte ja Gils Fahrrad an der Hauswand. Er hatte uns wahrscheinlich durch Herumfragen gefunden. Während unseres Wiedersehens gab es keine gegenseitigen Vorwürfe mehr, sondern nur Versöhnung. Wir tauschten aus, was jeder erlebt hatte und wir verstanden, dass der Abstand gut getan hatte und bitter nötig war. Im Guten gingen wir nun auseinander und Ronny kehrte nach circa dreieinhalb Monaten Fahrt zurück nach Deutschland. Von nun an ging es wieder zu zweit weiter durch Indien in Richtung Delhi. Ganz langsam fühlten wir uns wie Nomaden auf der Bühne der Welt. Manchmal überkam uns auch Wehmut, als wir an unsere Heimat denken mussten, vor allem an unsere Familien und Freunde. Spätestens jetzt begriffen wir, dass man durch solch eine Reise nicht gewinnt sondern auch verliert. Wir konnten unsere Lebenszeit mit unseren Angehörigen hier nicht teilen. Naja, zum Glück waren wir wenigstens zu zweit. Da wir aber die Strecke schon mit unseren Rädern gefahren waren, nahmen wir den Zug nach Delhi.

Was für ein Erlebnis – mit dem Zug durch Indien zu fahren, ein Land mit weit über einer Milliarde Menschen. Auf dieser Fahrt waren nicht nur alle Sitzplätze ausgebucht sondern auch alle Gänge, alle Ecken und Flure waren mit Menschen und Gepäck verstopft. Die Menschen lagen in drei Etagen übereinander. Wir übernachteten im Gang zwischen zwei Toilettentüren in die letzte Ecke gequetscht auf unserem Gepäck und mussten den Gestank ertragen. Undenkbare Verhältnisse verglichen mit Deutschland. Unsere Räder waren irgendwo im Gepäckraum des Zuges zwischen Tonnen an Reissäcken, Gepäckstücken und Fracht verstaut. Als wir in Delhi ankamen, waren wir beide so krank, dass wir tagelange Erholungszeit brauchten.

Alltägliches Chaos, Delhi, Indien

Eines stand für uns beide fest, wir wollten endlich heraus aus dem Chaos Indiens, wir hatten keine Lust mehr, den täglichen Stresspegel und das Risiko von Unfällen auf der Straße zu ertragen. Schnell radelten wir an die nepalesische Grenze, welche ca. 800 Kilometer weit entfernt war. Nach ungefähr 8 Monaten und 5.200 zurückgelegten Kilometern hatten wir einen kleinen Eindruck bekommen, von einer Gesellschaft die zwischen Moderne und Vergangenheit verweilte. Wir waren uns einig, keiner würde je wieder mit dem Rad durch Indien fahren. Doch was die Zukunft bringen würde, stand auf einem anderen Blatt.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.