Türkei & Europa – Unsere Heimreise vom Orient in den Okzident Heimreise 2000

Hagia Sophia Moschee, Istanbul, Türkei

Nachdem wir die Grenze hinter uns gelassen hatten, sind wir nun in der Türkei unterwegs. Auf dem Weg nach Dogubeyazıt können wir den gewaltigen Ararat Vulkan sehen, mit 5.135 m Höhe. Ein schöner Anblick, aber leider haben wir keine Zeit mehr diesen Berg auch noch zu erklimmen, obwohl es mich sehr interessieren würde. Wir schätzen, dass es schon bald den ersten Schnee geben wird und deshalb fahren wir ohne große Umwege weiter über Erzurum nach Ankara. Auch hier halten wir uns nicht lange auf, denn diese Stadt mit den endlosen modernen Betonbauten in den Vorstädten stößt uns eher ab. Nun freuen wir uns aber auf Istanbul, eine Stadt mit circa 15 Millionen Einwohnern. In diese Stadt hineinzufinden im dichten Verkehr ist schon ein Abenteuer. Auf einer Brücke geht es über den Bozborus, die Wasserstraße von Konstantinopel, welche Asien von Europa trennt. Der Blick auf die Altstadt ist einmalig und lässt nur vermuten, was die Stadt in den letzten 2.600 Jahren durchgemacht hat. Hier kommen wir in einem Gasthaus unter und schauen uns in Ruhe die pulsierende Stadt an. Darunter laufen wir zur Hagia Sophia, welche einst eine Kirche war und dann umgewandelt wurde in eine Moschee. Heute ist sie ein Museum. Gleich daneben bestaunen wir die Sultan-Ahmed-Moschee, ein Meisterwerk seiner Baukunst.

Straßenszene Istanbul, Türkei
Muslime, Türkei
Innenstadt Istanbul, Türkei

In der Nähe finden wir den Kapali Carsi Basar, oder auch großer Bazar genannt, mit viel traditionellem Kunsthandwerk, Gewürzen, Lebensmitteln aber auch modernen Accessoires. Überhaupt ist die Mischung zwischen Orient und Okzident äußerst interessant. Mann sieht streng bekleidete muslimische Frauen in der Burka Ganzkörperverhüllung und daneben die komplett geschminkte junge Generation im westlichen Outfit. Besonders für uns ist es ein sonderbarer Anblick, da wir gerade aus streng moslemischen Ländern kommen. Es ist einfach schön, durch die Altstadt zu wandern und mitten im turbulenten Alltag der Stadt zu verweilen. Natürlich besuchen wir auch ein Hamam, ein traditionelles Massagebad in Istanbul. Ich hatte keine Ahnung wie der Ablauf ist und dachte es sei eine reine Massage. Erst saß ich in einem Dampfbad und danach legte ich mich auf einen heißen Steintisch. Der Masseur wusch mich mit einer riesigen Menge an Schaum und bearbeitet dabei meine Muskulatur. Nach eine Weile war er fertig und ich fragte ihn, wann die Massage beginnt? Wütend wiederholte er sein Ritual und dachte wahrscheinlich ich sei nicht zufrieden gewesen. Dabei hatte ich vorher das Ritual im Hamam nur nicht verstanden. Nun haben wir Asien verlassen und sind fortan, nach Jahren der Abwesenheit, wieder in Europa. Von Istanbul geht es am Marmarameer entlang zur Grenze Griechenlands.

Strand bei Alexandroupolis, Griechenland

Wir erreichen als erstes Alexandroupolis und kommen ans Mittelmeer. Dort schlafen wir oft draußen direkt am Strand. Das Geld für ein Hotel hätten wir eh nicht mehr gehabt. Aber es ist nicht ganz einfach einen ungestörten Ort zu finden, denn die Bevölkerungsdichte hier an der Küste ist sehr hoch. Eines Tages fanden wir einen wunderbaren Schlafplatz hinter Felsen direkt am Strand. Wir richten unser Lager ein und auf einmal sehen wir, wie sich die Wasseroberfläche verändert und kleine Wellen auftauchen. Urplötzlich springen hunderte Fische aus dem Wasser heraus und landen auf dem Strand. Während wir uns noch wundern, rennen wir so schnell es geht los und sammeln so viele wie möglich ein. Wahrscheinlich wurden sie durch ein Seebeben oder militärische Unterwasserkommunikation gestört und fehlgeleitet an den Strand. Abends sitzen wir dann unter einem schönen Sternenhimmel am Lagerfeuer und bereiten uns die Fische auf einem alten Kühlschrank Metallgitter zu. Ein Abschiedsgeschenk des Meeres, bevor wir nun über Kavala ins Inland einbiegen. Eigentlich wollten wir über den Balkan fahren, doch wegen des Krieges in Ex-Jugoslawien lassen wir die Finger davon.

Fische vom Strand bei Alexandroupolis, Griechenland
Strand bei Kavala, Griechenland
Mitten in Bulgarien

Nun ist unser nächstes Ziel Bulgarien, dieses Land ist wunderbar grün und hat sehr viele schöne Wälder, vor allem Buchen und Eichenbestand. Jetzt sind die Bäume alle herrlich bunt gefärbt und das Land sprüht vor Farben. Auch die Karpaten konnten wir in der Distanz sehen. Hier fühlten wir uns in der Zeit zurück versetzt. Die Menschen sind äußerst gastfreundlich und herzlich. In harter Arbeit bestellen sie mit einfachen Mitteln ihre Felder. Wir fahren direkt durch Sofia, eine wahre Ostalgie, als wir die gelben Ikarus-Busse in der Stadt sehen. Lieber sind wir auf dem Land unterwegs, dort wo sich das wahre traditionelle Leben abspielt.

Bauern bei der Feldarbeit, Bulgarien
Harte Arbeit mit einfachen Mitteln, Bulgarien
Donau, Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien

In Widin befindet sich die Grenze nach Rumänien, direkt an der schönen Donau gelegen. Wir bezahlten die Fährüberfahrt und als wir auf der anderen Seite ankommen, fordert man den Betrag nochmals von uns ein. Wir versuchen uns zu wehren, aber bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt, bezahlen wir Zähne knirschend nochmals. Rumänien sieht erstaunlicherweise wieder etwas anders aus, mit kleinen Dörfern und Kopfsteinpflasterstraßen. Pferdekarren sind einsam unterwegs und nur wenige Menschen sehen wir auf unseren abgelegenen Wegen. Immer schlafen wir in den Wäldern in der Nähe der Straße. Am frühen Morgen ziehen Nebelbänke über die Wiesen und Raureif hat sich auf unseren Schlafsäcken gebildet. Es wird immer kälter, nasser und unerträglicher. Die Kilometer rollen dahin und wir spüren, das unsere Heimat immer näher rückt und damit auch das Ende einer Reise die ein Lebensabschnitt ist.

Dorfszene, Rumänien
Auf der Landstraße, Rumänien

Als wir in Ungarn ankommen, geht es ein Stück durch die Puszta mit Graslandschaften und Ziehbrunnen. Wir sind so weit im östlichen Ungarn unterwegs, da Gil in Nyiregyhaza Verwandte hat und wir sie besuchen wollen. Hier helfen wir ein bisschen auf dem Bauernhof mit und machen Arbeiten aller Art. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und blieben einige Tage bei Ihnen. Danach knickt unsere Route direkt nach Westen ab, um nach Bratislava und weiter nach Wien zu fahren. In Wien kommen wir direkt am Weihnachtsmarkt vorbei, können uns aber die Leckereien nicht leisten. Dafür übernachten wir in Niederösterreich in einer Schnapsbrennerei und dürfen natürlich auch Mal kosten. Über Budweis und Pilsen geht es in rasender Geschwindigkeit nach Norden Richtung Deutsche Grenze. Wir stehen schon in Kontakt mit unseren Eltern und arrangieren ein Treffen auf dem Erzgebirgskamm auf tschechischer Seite. Sie und unser Mitstreiter Ronny, der uns in Sri Lanka für 3 Monate begleitet hatte, wollen die letzten Kilometer mit uns gemeinsam nach Hause fahren. Unsere Heimatstadt Lichtenstein in Sachsen hat eine große Willkommensfeier auf dem Markt der Altstadt organisiert und wir wissen nicht, was uns dort erwartet. Meine Gefühle werden wie in einer Waschmaschine durcheinander gewirbelt, gezeichnet von Traurigkeit da diese Reise zu Ende geht und dominiert von Glücksgefühlen bald wieder zu Hause zu sein. Heimat bedeutet jetzt aber auch Ungewissheit, wie es weiter geht. Da wir vollkommen aus dem deutschen System herausgefallen sind und auch keinerlei Ansprüche haben. Von Karlsbad aus steigt die Straße hinauf ins Erzgebirge zur Grenze und oben in Horni Blatna (Platten) angekommen, kommen uns auf einmal unsere Väter und Ronny mit ihren Fahrrädern entgegen. Eine große Freude, nachdem ich meinen Vater 3 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Wir bleiben gemeinsam in einer Pension für die Nacht und haben uns unglaublich viel zu erzählen. Allerdings kann kein Wort herüber bringen, was ich in diesen Stunden spüre, so viel Wehmut.

Horni Blatna, Erzgebirge, Tschechien

Am nächsten Morgen geht es gemeinsam nicht zu schnell hinunter nach Johanngeorgenstadt über die Deutsch-Tschechische Grenze. Nachdem wir Schwarzenberg, Aue und Zwönitz erreicht haben, kommen uns immer mehr Fahrradfahrer entgegen die uns die letzten Meter in unsere Heimatstadt Lichtenstein begleiten wollen. Mit rund 15 Radfahrern kommen wir am Ortseingangsschild an, wo auch schon unser Bürgermeister wartet. Er hatte uns vor knapp 4 Jahren auf dem Altmarkt verabschiedet. Mit Polizeieskorte, vielen Radfahrern und großen Augen treten wir die letzten Meter im Sattel die Altstadt hinauf, wo über 2000 Leute auf dem Altmarkt auf unsere Ankunft warten. Wirklich ein unbeschreiblicher Empfang. Eine Kanone wird gezündet und mit einem ohrenbetäubenden Knall werden wir vom Bürgermeister Wolfgang Sedner auf die Tribüne gebeten. Mit Stollen und Kaffee müssen wir der Presse Rede und Antwort stehen. Unsere Familien, Verwandte und Bekannte sind alle da und eine riesige Wiedersehensfreude bricht aus. Dieser Tag wird uns für immer im Gedächtnis bleiben, denn der Empfang in der Heimat war von großer Herzlichkeit geprägt.

Zurück in Deutschland im Dezember 2000

Um mich wieder in Deutschland einzugewöhnen, nahm ich eine Arbeit im Zivildienst in einem Kindergarten in Lichtenstein auf. Das war ein guter Einstieg, wider in die geregelten Bahnen des deutschen Lebens. Jedoch gilt für mich ein Leitsatz: Jedes Ende einer Reise ist der Beginn einer neuen Herausforderung, eines neuen Abenteuers. In meinem Herzen ist große Dankbarkeit, dass ich die Welt aus dieser Perspektive so sehen konnte. Ich habe erkannt, dass wir die Probleme der Zukunft nur lösen können, wenn wir Menschen mit Mitgefühl, Liebe und Harmonie unter einander umgehen. Wir alle müssen uns wieder mit Mutter Erde verbinden, denn die Menschheit hat diese Verbindung verloren. Nur mit dem Herzen können wir das Gleichgewicht wider herstellen. Wir alle gehören zu einer Familie, der Menschheit.

Reisen sind die Tinkturen des Lebens um uns weiterzuentwickeln
Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.