Trans Himalaya – Hart am Limit Trans Himalaya 2004

Über zwei Jahre Planung und Vorbereitung

Eine der größten Herausforderungen für uns war es, ein bis dahin von Deutschen ungelöstes Problem zu knacken: Mit dem Fahrrad den gesamten Himalaya in längster Distanz von Ost nach West und auf der höchstmöglichen Route zu bezwingen. Diese entlegenen Pisten und Straßen verlaufen im heutigen Staatsgebiet China’s, davon aber ein Großteil in Tibet. Es ist für Ausländer streng verboten, dort mit dem Fahrrad herumzufahren. Es gab weltweit nur ganz wenige Informationen über ähnliche gelungene Projekte. Wir wollten es genau wissen und planten dieses Vorhaben Jahre im Voraus. Nur durch unsere einschlägigen Erfahrungen während der letzten Durchquerung Tibet’s, im Jahre 1998 von Süd nach Nord, trauten wir uns an dieses Projekt. Dennoch hatten wir nicht die geringste Ahnung, auf was wir uns da eigentlich einlassen wollten.

Allein schon die richtige Auswahl der Ausrüstung und der Mountain-Bikes war schwierig. Unterwegs durfte das Material keinesfalls schlapp machen, da wir kaum eine Möglichkeit sahen, irgend etwas reparieren zu können. Speziell dann nicht, wenn wir uns illegal durch Tibet schlagen. Schon zeitig entschieden wir, einen Rad-Anhänger der US Firma BOB Trailer mit uns zu führen. Die ganze Camera Ausrüstung wie Stative als auch Proviant, Ersatzteile usw. machten das zwingend notwendig. Am Ende wurden es circa 60 Kilogramm Gepäck. Darunter waren natürlich für jeden auch: ein Zelt von North Face, ein Trinkwasser Filter MSR, Trinkwasser Säcke 5 &10 Liter, ein Multi-Fuel Kocher von MSR, ein Daunen-Schlafsack, eine aufblasbare Isomatte von Therm-a-Rest, leichtes Geschirr aus Titanium, warme und wetterfeste Bekleidung, eine Sonnenbrille, Radbekleidung usw..

Die Fahrräder wurden komplett auf Stabilität neu aufgebaut und der Rahmen bestand wieder aus Titanium. Die gesamte Schaltung des Rades war nagelneu, sehr robust und haltbar. Wir wählten die Gruppe der XT Klasse von Shimano und die Bereifung wurde von der deutschen Firma „Schwalbe“ bestellt. Der „Marathon“ Reifen, welchen wir schon über Jahre getestet hatten, war der unverwüstlichste Reifen den wir kannten. Alle Packtaschen waren von der Firma Ortlieb, also komplett wasserdicht. Mehrere Testfahrten mit unseren beladenen Rädern waren ein Schock, da die Räder extrem schwer waren. Wir versuchten, an jegliches Karten-Material zu gelangen, um eine ungefähre topografische Vorstellung vom Gelände zu bekommen. Noch wichtiger für uns war es, heraus zu bekommen, wo genau sich die vielen Kontroll-Posten der chinesischen Armee auf dieser Strecke befanden. Es ging darum, dass wir dort nicht aus heiterem Himmel den Behörden direkt in die Hände fallen. Es war geplant, alle Schlagbäume nachts heimlich zu überwinden, um einer Verhaftung möglichst zu entgehen. Nach unserer weltweiten Recherche fanden wir die Position von circa acht dieser Kontrollposten heraus. Wieviele es wirklich waren, sollten wir noch erfahren. Zudem hörten wir, dass Filmdokumentationen in China strengster Zensur unterliegen und das eine Drehgenehmigung ca. 200 Dollar pro Tag kostest, nebst einem Sicherheitsbeamten der alles kontrolliert. Darauf werden wir gern verzichten.

Laut unserer Routenführung gab es nur eine Möglichkeit, um leicht nach China einzureisen. Die Wahl fiel natürlich auf Hong Kong, da wir hier ohne jegliches Visum einreisen konnten und ein 6 Monate langes China-Visum beantragen konnten.  Wir wurden in unserer Heimatstadt für dieses Vorhaben wehmütig verabschiedet und dann machten wir uns endlich Anfang Mai 2004 auf den Weg.

Das Abenteuer beginnt

Ankunft in Hong Kong
Hong Kong bei Nacht
Blick auf Hong Kong Island von Kowloon

In Hong Kong legten wir einige Tage Zwangspause ein, um das China-Visum zu beantragen, welches wir dann auch bekamen. In der Zwischenzeit staunten wir über die moderne Stadt und besuchten den Victoria Hill auf Hong Kong Island. Von hier oben hatte man einen besonders guten Ausblick auf die riesige Stadt. Direkt dahinter beginnt immergrüner Urwald und es war uns möglich, der Großstadthektik zu entfliehen. Mit der steilen Zahnradbahn ging es wieder hinunter und mit der Fähre zurück in den Stadtteil Kowloon, wo wir untergebracht waren. Nach einigen Tagen ging es los auf das chinesische Festland, mit dem Schnellzug bis nach Guangzhou, Kanton. Dort stiegen wir auf die Räder und fuhren von einem Ende der Stadt zum anderen Ende über viele Stadtautobahnen zum richtigen Bahnhof. Guangzhou war riesig und bis zum Horizont nichts außer Beton und Wolkenkratzer. Am Bahnhof angekommen, standen wir unter tausenden Chinesen, Wanderarbeitern und Reisenden und warteten auf den Zug in das 2000 Kilometer entfernte Kunming, dem eigentlichen Startpunkt der Rad-Expedition. Am nächsten Tag, nach 26 Stunden, sind wir angekommen und suchten uns eine Unterkunft. Die Stadt hatte sich sehr verändert, genauso wie Kanton auch, kaum wieder zu erkennen.

Durch unsere Recherchen wussten wir, dass wir nur über die Yunnan Route nach Tibet gelangen konnten, denn die Sichuan Route wurde noch strenger überwacht. Die letzten Vorbereitungen wie Radmontagen und Proviant Zufuhr waren abgeschlossen. Nach wenigen Tagen verließen wir die Stadt Kunming auf unseren schwer beladenen Fahrrad-Lastzügen Richtung Himalaya. Der Start fiel besonders schwer, da es tagelang wie aus Eimern regnete und im Nu die Straßen in eine Schlammschlacht verwandelt wurden. Wir bemerkten mit Erschrecken, dass sich durch den sandpapierartigen Schlamm und den vielen Regen unsere nagelneuen Bremsbacken in rasender Geschwindigkeit in Luft auflösten. Somit musste sich einer von uns opfern und mit dem Bus zurück nach Kunming fahren, um im einzigen Radfachgeschäft der Stadt besseren Ersatz zu kaufen. Wir hatten riesengroßes Glück, tatsächlich Gummi-Bremsbacken für unsere Shimano V-Brake Bremsen zu finden und konnten sie austauschen. Wir hofften, dass nun unser Ersatz bis zum anderen Ende des Himalayas reicht.

Unterwegs wurden wir auch gleich noch Zeugen eine Unfalles, als ein Auto in ein Reisfeld raste. Innerhalb kürzester Zeit war das ganze Dorf in Aufruhr und ein dickes Seil wurde organisiert. Alle packten mit an und gemeinsam mit 25 Chinesen zogen wir den Unglücksrabe wieder aus dem Feld.

Tiefblick auf dem Pfad der Wolken

Dali - Drei Pagoden des Chongsheng-Tempels
Freundschaftliche Hilfe auf dem Lande

Unser erstes Ziel war die schöne Stadt Dali am Er Hai See gelegen. Mit großem Interesse staunten wir über die drei Pagoden des Chongsheng-Klosters aus dem 9ten Jahrhundert. Auch die Altstadt war sehr interessant, denn hier konnten wir in das Handwerk und die Traditionen der Bai Kultur eintauchen. Diese Volksgruppe schuf ihre Traditionen aus einem Gemisch aus chinesischen, indischen und tibetischen Einflüssen. Besonders schön war allerdings die Landschaft am bis zu 4000 Meter hohen Cangshan Mountain. Dort liefen wir den einsamen Pfad des Wolkenweges mit haarsträubenden Abschnitten zu kristallklaren Wasserfällen, in denen wir auch ein eiskaltes Bad nahmen.

Die Altstadt von Dali
Unterwegs in Yunnan, China
Der See des schwarzen Drachens in Lijiang

Gut erfrischt ging es weiter bergauf Richtung Lijiang und die Spannung stieg langsam, da wir der tibetischen Grenze immer näher kamen. Die ersten Passstraßen auf dem Weg nach Lijiang mit 2.500 m Höhe waren ein bitterer und kräftezehrender Vorgeschmack für mich, da ich mich noch richtig einfahren musste. Die kleine historische Stadt Lijiang hat ein ganz besonderes Flair und wir glaubten uns hunderte Jahre zurückversetzt in die chinesische Kaiserzeit. Die vielen traditionellen Häuser der Naxi Kulktur, die engen Gassen mit spiegelglatt poliertem Kopfsteinpflaster und einem Netzwerk an kleinen Bächen für die Bewässerung. In den Häuserfluchten wurde manchmal der Blick frei zum Horizont, hinauf ins knapp 6.000 Meter hohe Jadedrachen-Schneegebirge. Mit einem Bus fuhren wir auf einem Tagesausflug an das Bergmassiv heran. Wir stiegen auf die Maoniuping Yak Wiese zu einem kleinen tibetischen Kloster. Es war eine schöne Wanderung durch Wälder hinauf auf ca. 3.200 m Höhe und eine kleine Tour zur Akklimatisation.

Shangri La und die Terrassen von Bai Shui Tai

Yangze Fluss in der Tiger-Sprung-Schlucht
Kalksinter-Terrassen von Bai Shui Tai

Danach ging es weiter mit unseren Rädern hinauf nach Shangri La (mystisches Reich Shambala) oder chinesisch Zhongdian. Wir entschieden, einen Umweg zu mehreren besonderen Orten zu fahren und danach wurde es extrem spannend. Wir bogen in die mächtige Yangze Schlucht ein, die Tiger-Sprung-Schlucht (Tiger Leaping Gorge), welche sich der große Yangze Fluss in Jahrmillionen in die Berge geschliffen hat. Das reißende Wasser toste durch die enge Schlucht, während wir an steilen Klippen und Abgründen direkt über dem Fluss entlang fuhren. Es ging weit hinauf in die Berge durch malerische Landschaften mit Reisterrassen und durch Wälder mit Moos verhangenen Bäumen.

Unterwegs besuchten wir auch die bekannten Kalksinter-Terrassen von „Bai Shui Tai“, an denen man den Ursprung der Naxi-Kultur vermutet. Wie ein bizarrer Balkon hängen die schneeweißen Terrassen gefüllt mit türkisblauen Wasser am Berg. Die Landschaft und die Wolken spiegeln sich wie ein Kaleidoskop vor unseren Augen. Die Gegend änderte sich abermals, als wir die ersten Hochtäler und Hochebenen erreichten. Nun erschienen tibetische Siedlungen und dichte Wälder. Vor Zhogdian durchfuhren wir im strömenden Regen noch eine 30 Kilometer lange Baustelle und versanken wieder im knietiefen Schlamm. Total verdreckt kamen wir in Zhongdian an, von wo wir einen letzten kurzen telefonischen Kontakt mit der Heimat hatten.

Schlamm-Piste kurz vor Shangri La

Eine Nacht auf dem Friedhof und illegal nach Tibet

Ein weiteres Mal verlassen wir eine Stadt über einen Pass, doch dieser ist mit 3.400 Meter schon etwas höher. Und abermals ging es wieder hinunter zum Jangtsekiang, ein ständiges Auf und Ab. In einem wüstenähnlichen Tal erreichten wir die Ortschaft Benzilan, von wo es wieder bergauf ging, bis zum ersten 4.000er Pass. Durch unsere immer noch schlechte Akklimatisation brauchten wir ganze zwei Tage, um über den 4.200 m hohen Dreierpass nach Dejin zu gelangen, der letzten frei zugänglichen Stadt. Bevor wir von nun an möglichst jeden chinesichen Kontakt meiden müssen, in der TAR (Tibet Autonomus Region). Der erste militärische Kontrollposten befindet sich in Yanjing, wenige Kilometer nach der tibetischen Grenze.

Ganz langsam fuhren wir so nah es ging an den Schlagbaum heran, bis auf circa vier Kilometer, sodass wir ihn in der Ferne sehen konnten. Wir überlegten, was wir nun machen sollten…..uns verstecken natürlich, die Frage war bloß wo? Hier war nur die Straße, der reißende Mekong Fluss, Felsenklippen und Berghänge. Da entdeckten wir etwas weiter, 30 Meter über der Straße, ein kleines Plateau mit Friedhof (6×6 Meter). Wir hatten ernsthaft Bedenken, dass man uns entdeckt, also nahmen wir schnell das ganze Gepäck vom Rad und kletterten mehrmals mit der Ausrüstung und den Rädern hinauf zum Friedhof. Vier hier oben konnten wir den Check Point hervorragend beobachten. Auch Leute liefen auf der Straße auf und ab, deshalb waren wir ganz leise. Dann um 3.00 Uhr in der Nacht ging es los. Bevor wir jedoch losfahren konnten, mussten wir das ganze Gepäck und die Fahrräder wieder retour zur Straße tragen. Nun stand uns die illegale Grenzüberquerung nach Tibet bevor. Mein Herz pochte vor Aufregung. Erst fuhren wir noch ein Stück heran, dann schoben wir die Räder so leise es ging durch die Dunkelheit bis kurz vor den Schlagbaum, welcher hell beleuchtet war. Wir neigten die Räder blitzschnell  unter die Schranke und mit einem Ruck waren wir durch. Auf der anderen Seite verschwanden wir wieder in der Dunkelheit. Nach weiteren 10 Kilometern kam zu unserem Erschrecken ein weiterer Kontrollposten, bei dem wir genauso vorgingen. In absoluter Dunkelheit und auf sehr schlechter Straße fuhren wir die letzten Kilometer, bis wir total erschöpft um 6 Uhr früh in unsere Schlafsäcke sanken.

Die erste Yangze Schleife, Shangri La, Yunnan, China
Rhododendren in voller Blüte am Hong La Shan Pass

Erst als wir wenige Stunden später, am Fuße des 4.200 Meter hohen Hong Shan (Pass) aufwachten, begriffen wir, dass wir nun in Tibet waren. Strömender Regen holte uns wieder auf den Boden der Realität zurück. Die schlechte Piste hinauf zum Pass trug nicht unbedingt dazu bei, unsere Laune zu verbessern.

Mächtige Pässe und bodenlose Täler

Kurz vor dem Markham Check Point, Ost-Tibet

Die Straße führte über den Pass und auf der anderen Seite wieder endlos bergab in das nächste enge Tal. Circa 110 Kilometer weiter, kurz vor Markham wartete strategisch gut platziert der nächste Check Point auf uns. Dieser befindet sich genau vor Markham, wo sich der Yunnan-Tibet Highway von Kunming kommend mit dem Sichuan-Tibet Highway von Chengdu verbindet. In der Nacht, während der Überwindung des Kontrollposten’s, sagte ich noch zu Gil: „Wir müssen in der Dunkelheit unbedingt zusammen bleiben“. Doch Gil fuhr voraus und wurde gleich von sechs herumstreunenden großen Tibet-Hunden angefallen. Noch bevor ich mit Steinen zur Hilfe eilen konnte, bissen sie in die Reifen und auch in seinen Fuß. Zum Glück wurde er nicht wirklich verletzt. Am nächsten Tag keuchten wir erschöpft in 4.100 m Höhe dem nächsten Pass entgegen. Bei wunderschönem Wetter erreichten wir den 4.338 m hohen Lagu Shan, wo uns eine Tibeterin an der Straße zum Essen einlud. Es gab Tzampa und Joghurt aus Yakmilch gewonnen, in dieser Höhe ein guter Energielieferant. Die zweite aber letzte Abfahrt hinunter zum Mekong war steinig und ca. 40 Kilometer lang. Das Bedrückende dabei war, dass wir uns auf der anderen Flussseite jeden einzelnen Höhenmeter wieder bergauf kämpfen mussten.

Der Mekong-Fluss in Tibet
Auf dem 5.008 Meter hohen Hongla Shan, Ost-Tibet

Zuerst ging es von nur 2.700 Meter über einen 4.000er Pass, um dann noch höher über den 5.008 Meter hohen Hongla Shan zu fahren. Hier begannen ein paar der schlimmsten Tage unserer bisherigen Expedition. Regenfälle und Schneegestöber begleiteten uns fast jeden Tag. Dennoch versuchten wir, in der dünnen Luft und der eisigen Kälte vorwärts zu kommen. Am dritten Tag überfuhren wir erschöpft und durchnässt den Hongla Shan, doch der eisige Regen begleitete uns weiter. Jeden Abend hofften wir frierend in unseren Zelten auf eine Wetterbesserung.

In Pomda, einem Militär-Stützpunkt und der Kreuzung nach Chamdo wurden wir sogar vom chinesischen Fernsehen interviewt. Doch als wir letztlich im knietiefen Schlamm und im nassen Schneegestöber dem nächsten Pass (Gama La) entgegen schoben, waren wir mal wieder auf uns allein gestellt. Unsere Familien fehlten uns sehr, gerade in schlimmen Momenten wie diesen denkt man oft an zu Hause. Aber wir mussten die Zähne zusammen beißen, um diesen 4.618 m hohen Wetterpass zu überwinden. Die Piste ist durch tiefste Schlamm-Passagen und einen querstehenden LKW so gut wie unbefahrbar. Nur wir als Radfahrer hatten genug Platz und konnten unsere Räder an den Problemstellen vorbei schieben. Auf der anderen Pass-Seite ging es sogleich über 70 sehr steile Serpentinen wieder bergab, zum letzten großen Fluss, dem Salween. Während der endlos scheinenden Abfahrt spürten wir unsere Finger und Zehen nicht mehr. Zu kalt war der eisige Wind, welcher uns entgegenwehte.

Kurz nach Pomda am Gama La Pass, Ost-Tibet

Auf nur noch 2.800 Metern kamen wir im Tal des Salween an und es hielt endlich auf zu regnen. Unsere geschundenen Körper atmeten langsam wieder auf. Es ging eine ganze Weile an diesem reißenden Fluss entlang bis zum nächsten Anstieg. Es waren ungefähr 100 Kilometer nur bergauf, streckenweise sogar auf Asphalt. Welch eine Erholung für unsere treuen Räder! Ein flacher, lang steigender Pass war der Bai La mit 4.400 Metern Höhe. Er befindet sich vor Rawuk, dass wunderschön wie in einer Märchenlandschaft eingebettet liegt. Es gibt glasklare Seen, riesige unangetastete Waldlandschaften unterbrochen durch rosafarbene blühende Rhododendren Berghänge und bis 7.000 Meter hohe vergletscherte Berge. Unvorstellbar, dass wir uns im Osten von Tibet befanden. Umso weiter wir von den großen Höhen herunter kamen, umso dichter und üppiger wurde der Wald. Diese so fabelhafte Gegend entschädigte uns für all die Strapazen, welche hinter uns lagen. Langsam rollten wir auf der 250 km langen Abfahrt vor uns hin und atmeten den frischen, so reichlich erscheinenden Sauerstoff ein, währenddessen wir von einer heißen Dusche in Lhasa träumten.

Urige Landschaften in Ost-Tibet

Urplötzlich in Lebensgefahr

Auf einmal kamen wir an eine Biegung und sahen, wie Bauarbeiter auf der Strecke wild mit den Armen gestikulierten. Sie versuchten uns, vom Weiterfahren abzuhalten. Doch da keiner von uns ausreichend Chinesisch sprach, und wir ihre Signale missdeuteten, wollten wir einfach weiterfahren. Ich blieb stehen und hörte ein seltsames Knarren, Knistern und Krachen im Berg über uns.  Im nächsten Moment riss eine gesamte 100 Meter hohe Felswand nur 50 Meter vor uns vom Berg ab und krachte mit einer unglaublichen Gewalt auf die Straße. Manche Felsblöcke waren so groß wie ein Einfamilienhaus. Das Blut gefror in meinen Adern. Wir erkannten den Ernst der Lage und welches Glück wir hatten, doch noch angehalten zu haben.

Mit fünf Helfern und einem wachen Auge in Richtung Berg schafften wir es, unsere 70 kg schweren Räder auf die andere Seite der verschütteten Piste zu tragen. Noch lange saß uns dieser Schreck in den Knochen und immer wieder blickten wir bedenklich die Berghänge hinauf.

Regenwälder in Tibet

Jeden Tag schliefen wir im Freien, in einem immer dichter werdenden temperierten Regenwald, welcher uns umgab. Die Flora und Fauna, die wir hier erlebten, erschien uns so untypisch für Tibet wie Regen in der Wüste. Es gibt Zikaden, Moskitos, Blutegel, Riesenschlangen, Affen sowie viele andere Bewohner des Regenwaldes und all das nur 600 km von Lhasa entfernt. Bei Tang Me erreichten wir das letzte Mal eine Höhe von nur 2.100 Metern und bogen in ein grünes Tal ab. Von hier aus ging es nun 100 Kilometer bergauf, hinauf auf die tibetische Hochebene. Nur zwei Pässe lagen zwischen uns und der Hauptstadt Lhasa. Allerdings mussten wir noch durch die zwei bewachten Städte Nyingchi und Bahezhen, wo uns wieder eine Verhaftung drohte. Die Durchquerung bei Nacht gelang uns jedoch unentdeckt, auch wenn wir uns mehrmals in der Dunkelheit in Bahezhen verfahren hatten.

Yakhaut-Boot zur Überquerung des Zangbo Flusses (Brahmaputra), Tibet

Es waren nur noch 400 asphaltierte Kilometer bis Lhasa. 250 Kilometer davon fuhren wir bergauf bis zum Mi La Pass mit 4.930 Meter Höhe. Kurz vor dem letzten Pass vor Lhasa genossen wir sogar ein herrliches Bad in einer heißen Quelle nahe der Strasse. Langsam verschwand  die Vegetation und wir ließen die immergrünen Wälder von Osttibet hinter uns. Wir hatten es geschafft, den stark gefalteten und deshalb so kräftezehrenden östlichen Himalaya zu überqueren. Nun befanden wir uns auf dem tibetischen Hochplateau, welches gewaltige Ausmaße hat.

Der Potala, die Winterresidenz des Dalai Lama, Lhasa, Tibet

Die letzten Kilometer nach Lhasa rollten wie von selbst, aber nicht nur weil es flach war, sondern auch, weil wir endlich nach vielen Wochen Fahrt eine längere Pause zum Erholen geplant hatten. Auf unserem langen Weg hatten wir sogar Pilger getroffen, welche monatelang zu Fuss nach Lhasa unterwegs waren. Zu unserem Erstaunen maßen sie die Strecke mit ihrer Körperlänge aus. Es erschien wie eine unmenschliche Selbstgeißelung, doch wenn man die goldenen Dächer des mächtigen Potala Palastes auf einem Hügel in Lahasa am Horizont erblickt, hat man dieses unbeschreibliche Gefühl, die heiligste Stadt der Welt in den Wolken erreicht zu haben. Genau dieser Moment entschädigt jeden, der sich auf den langen, beschwerlichen, aber auch abenteuerlichen Weg gemacht hatte. In Lhasa konnten wir im Yak Hotel endlich mal wieder den einfachsten menschlichen Bedürfnissen nachgehen, wie duschen und Wäsche waschen. Auch konnten wir unsere verdreckten Fahrräder wieder auf Vordermann bringen und mit der Heimat telefonieren.

Die verbotene und heilige Stadt

Das Dach des 1000 Jahre alten Jokhang Tempels, Lhasa, Tibet
Das Rad der Lehre des Dharma, Jokhang Tempel, Lhasa, Tibet

Obwohl sich Lhasa seit unserem letzten Besuch sehr verändert hatte, haben die uralten Tempelbezirke nichts von ihrer geheimnisvollen Atmosphäre verloren. Gemeinsam mit vielen tibetischen Pilgern liefen wir den Linkor, (Umwandlungsgang um den mächtigen Potala – die Winteresidenz des Dalai Lama) entlang und drehten dabei hunderte von Gebetsmühlen an, welche niemals richtig zum Stillstand kommen. Im mehr als 1.300 Jahre alten Jockhang Tempel am Palkor Platz tauchten wir gemeinsam mit vielen Pilgern in die Zeit von vergangenen Jahrhunderten ein. Unzählige Tibeter liefen ohne Pause im Uhrzeigersinn um den erhabenen Tempel. Wir wurden einfach in den Strom der Menschenmassen mitgezogen und erlebten die verschiedensten tibetischen Kulturgruppen mit ihren wunderbaren Trachten.

Tibeterin mit Gebetsmühle am Lingkor in Lhasa, Tibet
Niederknien vor dem heiligen Jokhang Tempel, Lhasa, Tibet

Die Himmelsbestattung am Trigung Til Kloster

Heiliges Trigung Kloster, NW von Lhasa, Tibet

Schon lange beschäftigte mich ein sehr verschwiegenes Thema in Bezug auf Tibet. Auf dem weiten Weg nach Lhasa hatten wir nie Begräbnisstätten wie in China gesehen. Später erfuhren wir, dass in Tibet nur Schwerverbrecher nach Ihrem Tode in der Erde beigesetzt werden. Für alle anderen Tibeter wird die Himmelsbestattung praktiziert. Circa 150 Kilometer nordöstlich von von Lhasa entfernt, befindet sich das Kloster Drigung Til aus dem 12. Jahrhundert. Mit einem Tibeter und einem gemieteten Jeep machten wir uns auf den Weg, zu einem der allerheiligsten Plätze Tibets. Ein seltsames, unbeschreibliches Gefühl ging mir durch den Magen. Im Morgengrauen erreichten wir die kleine Tempel-Enklave auf über 4.500 Metern Höhe, welche wie ein Adlerhorst am Berg hängt. Der Himmel war mit bedrohlichen Wolken zugezogen und verstärkte noch die mystische Atmosphäre dieses tief religiösen Platzes. Die Mönche zeigten uns den Weg hinauf zur Himmelsbestattung, einige hundert Meter über dem Tempelkomplex. Wir durchschritten ein spirituelles Tor des fast Unbegreiflichen. Der Bestattungsplatz Tenjag ist so hochgelegen, dass die Seelen der Toten nur einen kurzen Weg in den Himmel haben. Unzählige große Geier, die Himmelsboten der Bestattung, saßen hier am steilen Berghang und warteten. Nach einigen Stunden begann eine der tiefeinschneidensten Erfahrungen, welche ich jemals erleben durfte.

Bestattungsplatz für Himmels-Bestattung, Kloster Trigung, Tibet
Besondere Gebetsfahnen, Kloster Trigung, Tibet

Einige Mönche kamen mit großen Säcken auf ihren Rücken vom Kloster hochgelaufen, welche anscheinend fast nur aus Gebetsschals bestanden. Beim näheren Betrachten erkannten wir allerdings, dass es verstorbene Körper waren, die hier bestattet werden sollten. Ganz spezielle Mönche wetzten ihre langen Messer an Schleifsteinen scharf. Die Leichen wurden von den Gebetsschals befreit und auf den Bestattungsplatz mit großen Steinen gelegt. Eine Seele hat ihren Körper  ungefähr 48 Stunden nach dem Tode verlassen. Was hier noch lag, war die leblose Hülle des menschlichen Körpers, welche symbolisch den Seelen in den Himmel hinterher getragen werden sollte. Mit den Messern wurden die Körper von den Mönchen zerschnitten, damit die Geier sie besser fressen konnten. Ungeduldig warteten sie schon am Bestattungsplatz auf ihre nächste Mahlzeit. Der unangenehme Gestank brannte sich in mein Gedächtnis und war tagelang nicht wegzuwischen. Aus nächster Nähe erlebten wir, wie sich die heiligen Geier über die zerteilten Leichname hermachten und innerhalb kürzester Zeit nichts als Skelette übrig waren. Die Mönche sammelten die Skelette ein und streuten Zampamehl darüber. Mit großen Steinhämmern wurden nun die Knochen und Schädel zertrümmert, damit auch noch die letzten Reste von den Geiern verschlungen werden konnten, denn es ist wichtig, dass alles vom leiblichen Körper verschwindet. Die Geier ließen sich später von der Thermik in die Lüfte tragen und somit wurden auch die menschlichen Körper in den Himmel befördert.

Geier der Himmels-Bestattung, Kloster Trigung, Tibet

Für mich war es ein fast unbegreifliches Ritual, welches seit über 1.000 Jahren in dieser Form abgehalten wird. Mit einem drückenden Gefühl im Bauch verließen wir diesen Ort, welcher mich noch sehr lange beschäftigte. Denn von all den verschiedenen Bestattungsarten der unterschiedlichsten Kulturen unserer Erde, zählt diese sicherlich mit Abstand zu den außergewöhnlichsten. Die Himmelsbestattung unterstreicht mit ihrer Einmaligkeit die sagenumwobenen Mythen des höchst gelegenen Landes unserer Erde – Tibet.

Es fiel mir sehr schwer nach nur 7 Tagen Ruhe und den einschneidenden Erlebnissen am Himmelsbestattungsplatz in Trigung Till, Lhasa zu verlassen. Und doch machten wir uns auf den weiten Weg nach Kashgar, dem anderen Ende des Himalayas.

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Ein Schlammbad am heiligen Yamdrok See

Die ersten 80 Kilometer in Richtung Westen rollten noch ziemlich leicht. Es war flach, asphaltiert und die Gegend am legendären Brahmaputra-Fluss war immer noch spärlich grün. In Quexue bogen wir zum Skorpionssee ab und wußten, dass wir erst nach 2.500 Kilometer wieder niedrigere Höhenlagen erreichen würden.

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Schlamm am Yamdrok See, Zentral-Tibet
Schlamm überall, Yamdrok See, Zentral-Tibet

Die ersten 80 Kilometer in Richtung Westen rollten noch ziemlich leicht. Es war flach, asphaltiert und die Gegend am legendären Brahmaputra-Fluss war immer noch spärlich grün. In Quexue bogen wir zum Skorpionssee ab und wußten, dass wir erst nach 2.500 Kilometer wieder niedrigere Höhenlagen erreichen würden.

Aus sicherer Quelle wußten wir um die extrem schlechte Piste, welche uns am Yamdrok Yumtso (Skorpionssee) erwarten sollte. Dennoch wählten wir diese Route unter zwei weiteren Möglichkeiten aus. Vor uns lag nun der Kamba La Pass mit 4.800 Metern Höhe und es dauerte nicht lange, bis wir mit unseren Rädern wieder mal im knietiefen Schlamm versanken. Es lagen 100 Kilometer Baustelle vor uns und durch die ungewöhnlich lang anhaltenden Regenfälle auf dem Dach der Welt im Jahr 2004 war die Piste aufgeweicht und nahezu unpassierbar geworden. Busse, ja sogar Geländewagen steckten fest und mußten umkehren. Die Einzigen, welche sich Tag für Tag ein Stück durch den Schlamm vorwärts quälen konnten, waren wir. Allerdings zu einem sehr  hohen Preis, denn unsere Räder litten extrem unter der Abnutzung der Schlammes, welcher sich wie Kaugummi in sämtliche Ritzen schmierte.

In Nagartse, einem tibetischen Dorf auf der anderen Seite des Sees nahmen wir uns die Zeit, unsere treuen Räder von den Spuren der letzten Tage zu befreien. Denn der Schlammabschnitt lag endlich hinter uns und nun steuerten wir schon dem nächsten Pass entgegen, dem Karo La mit 5.010 Metern.

Am Karo La Pass, 5.010 m, Yamdrok See, Zentral-Tibet

Um so länger wir in diesen großen Höhen, zwischen 4.500 m – 5.200 m unterwegs waren, um so besser akklimatisierten wir uns und die Steigungen in der dünnen Luft fielen uns nicht mehr so schwer wie am Anfang. Eine langsame aber sichere Anpassung an diese extremen Höhenlagen ist der Grundstein zu einer erfolgreichen Expedition.

Die letzten Städte Zentral-Tibets

Nach dem Yamdrok Abenteuer waren wir zuerst auf dem Weg nach Gyantze, einer alten Handels-Enklave. In der Stadt angekommen staunten wir über den schönen Kumbum Chörten von Pelkhor Chöde, den Stupa der 108 Kapellen mit 10.000 Wandbildern. Das Kloster vereint drei tibetische Schulen.

Kumbum Chörten von Pelkhor Chöde, Gyantze, Tibet

Auf dem Weg nach Xigatze, der alten Kaiserstadt, kamen wir das letzte Mal in den Genuss einer wohlverdienten Dusche. Nach nur einem Tag Pause fuhren wir an den herrlich gelben Raps-Feldern in Zentral-Tibet vorbei, bevor es zurück in die Einöde ging. Verträumt radelten wir gerade noch vor uns hin und hatten keine Ahnung was uns erwartete. Ein Schweizer Radfahrer, der uns müde und abgekämpft aus Kashgar entgegen kam, gab uns ein paar wertvolle Tipps und verabschiedete sich mit den Worten, die uns wohl ewig in Erinnerung bleiben werden: “Ich bin so froh, ich hab es geschafft”. Noch lange dachten wir über diesen Satz nach.

Tibeterin in Zentral-Tibet

Wenn wir nur auch die Kraft und vor allem den Willen hätten, weitere 2.500 Kilometer über die höchsten Pässe der Erde zu fahren. Mir wurde klar, dass es wohl noch mehr eine mentale Herausforderung war, als eine rein physische Angelegenheit. Etwa 150 Kilometer waren es noch, die wir auf dem bekannten Friendship Highway unterwegs sein würden. Hier war die Piste noch befahrbar und nach 2 Tagen erreichten wir die kleine und unscheinbare Kreuzung. Hier stand der erste Kilometerstein des Xinjiang-Tibet-Highways. Beim näheren Betrachten sahen wir die magische und erschreckende Zahl in verblichenem Rot von 2.141 Kilometern.

Das war sie also, die Piste welche uns übers Nirgendwo des höchsten Gebirges unserer Erde hinweg bis zurück in die Zivilisation nach Kashgar bringen sollte. Wir wußten, dass wir wieder überall Gefahr laufen, verhaftet zu werden, da auch West-Tibet für individuell Reisende gesperrt war. Keiner von uns beiden würde einen zweiten Versuch der Trans-Himalaya-Überquerung starten, also hatten wir nur einen Versuch und fuhren auf dem Xinjiang-Tibet-Highway dem nächsten Schlechtwettergebiet entgegen. Denn das war es, was uns ständig seit dem ersten Tag wie ein dunkler Schatten begleitete. Das schlechte Wetter bremste unsere noch so starken Anstrengungen und es fiel uns immer und immer wieder schwer, neue Kraft zu finden, dem eisigen Wind, trommelnden Regen sowie Schneefall davon zu fahren. Es war ziemlich bergig, so dass wir an manchen Tagen bis zu drei 4.500er Passstrassen überfuhren. Dafür war die Landschaft einfach nur wie reine Magie, gespickt mit klaren Bächen und Seen, endlosen Horizonten und kristallklarer Luft.

Auf dem Weg zum Berg Kailash, westliches Tibet
Wetterverhältnisse in West Tibet

Die Tibeter waren sehr freundlich und luden uns öfters zu Zampa (geröstete und gemahlene Gerste) und Buttertee, dem Nationalgetränk von Tibet ein. Manchmal mußten wir auch Chang trinken, eine Art Gerstenbier, welches es wirklich in sich hatte.  Es ging jeden Tag über irgendwelche Pässe und riesige Ebenen. Die Weiten waren surreal aber erweiterten den eigenen Horizont. Jeden Abend schliefen wir in unserem Zelt, welches nach der langen Zeit zu unserem Zuhause geworden war. Ein extremer Gegensatz zur Eises-Kälte der Nacht, war die aggressive Sonne, vor der wir uns so gut es ging schützen mussten. Dennoch rissen unsere Lippen durch die hohe UV Strahlung auf und das Essen einer scharf gewürzten Suppe wurde zur Qual. Auch die Nasen und Ohren waren stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Am Kontrollposten verhaftet

In Saga, einer unscheinbaren aber größeren Stadt, wurden wir von der Armee an einem neu gebauten Kontrollposten komplett überrascht. Da wir kein gültiges Tibet-Permit besaßen, wurden wir nach stundenlanger Wartezeit zur hiesigen Polizei gebracht und festgesetzt. Diese wollte uns zeitnah nach Xigatze zurück schicken und nach Nepal ausweisen. Es sei nicht gestattet, ohne eine Genehmigung in die nächste tibetische Provinz weiterzufahren, welche wir uns in Xigatze organisieren sollten. Es interessierte auch niemanden, wie weit wir mit unseren Rädern gefahren waren, nur die fehlende Genehmigung war im Gespräch. Nach einer Weile passierte dann etwas völlig Unerklärliches.

Eine Tibeterin, welche uns als Dolmetscherin unterstützte, zeigte auf einmal Mitleid und erkannte unsere missliche Situation. Nach endlosen Diskussionen um unsichtbare von Menschenhand gezeichnete Grenzen, kamen wir zu einer Vereinbarung. Wir bezahlten 1000 Yuen / 100 EURO Strafe und bekamen keine Erlaubnis weiterzufahren. Dafür durften wir aber auf eigene Faust versuchen, weiter nach Ali (Hauptstadt von Westtibet) zu gelangen. Das bedeutete, dass uns die Polizei von Saga nie gesehen hat. Warum sie das taten, haben wir nie erfahren. Bevor sie es sich noch einmal anders überlegten, fuhren wir so schnell es ging davon.

Hinter dem nächsten 4.000er Pass schlugen wir erschöpft unser Lager an einem Fluss auf. Es war schwierig, in solchen Situationen neue Kraft zum Weiterfahren zu finden. Doch keiner von uns wollte aufgeben. In den folgenden Wochen wurden wir  tief eingeschneit, von LKW`s mit Schlamm eingedeckt und mußten an extrem trockenen Tagen von den vorbeidonnernden Jeeps Staub schlucken. Manchmal hassten wir uns selbst für unsere Hartnäckigkeit und wünschten, gleichgültig den nächsten LKW-Fahrer um Hilfe zu bitten. Doch dann wieder war der eigene Wille so stark, dass es nur ein Vorwärts gab.  Die Tage und Wochen vergingen mit 50 bis 60 Kilometer Etappen und der Strich auf der Himalaya-Karte wuchs zur unbegreiflichen Strecke. Beide sehnten wir uns den Tag herbei, an dem wir keine Berge mehr sahen. Bei Zongba verließen uns auch noch die Kilometersteine und wir fuhren im Nirgendwo auf einem vagen Streifen in der Landschaft vor uns her. Doch wir hatten ein neues Ziel: den Mt. Kailash, für Buddhisten und Hinduisten das Zentrum des Universums. Er gilt weltweit als der heiligste Berg. Ihn wollten wir genau, wie viele andere Pilger es taten, zu Fuß umrunden und dabei spirituell neue Kräfte schöpfen.

Der heilige Berg Kailash

Heiliger Berg Kailash, West-Tibet

Wir erreichten das Dörfchen Darchen, den Ausgangspunkt für eine Kailash Umrundung zu Fuss auf der so genannten Kora. Bevor es aber losgehen konnte, mußten wir uns noch eigenständig bei der unberechenbaren chinesischen Polizei melden, da wir immer noch illegal unterwegs waren. Wieder zitterten unsere Knie, als wir die PSB Station erreichten, um endgültig eine Aufenthaltsgenehmigung für Westtibet zu beantragen. Diesmal hatten wir unendlich viel Glück und bekamen sofort und ohne Streiterei unser Permit. Das Ganze hatte nur einem Haken, wir mussten nochmals 500 Yuan / 50 EUR Strafe zahlen. Nun hatte sich endlich die ständige Angst, erwischt zu werden und im Gefängnis zu landen, verflüchtigt. Wir waren von jetzt an legal in Tibet unterwegs. Das Besondere war, dass wir unser „Alien Travel Permit“, die Genehmigung für Außerirdische, direkt ausgehändigt bekamen. Wir waren so froh, das war ein wahres Geschenk.

Schnell waren unsere Sachen verpackt, die Räder sicher in einer Unterkunft verstaut und die Bergschuhe geschnürt. Bevor es losgehen konnte auf die heilige Kora, dem Umrundungsweg des Mount Kailash, um den sich viele Mysterien ranken. Wir starteten auf 4.600 Meter Höhe in Darchen und verschwanden im morgendlichen Dunst der Wolken, in einem sehr engen Tal. Langsam schälte sich die knapp 7.000 Meter hohe Bergpyramide aus den Wolken. Während wir die 52 Kilometer lange Kora im Uhrzeigersinn treckten, überstiegen wir den höchsten Pass unserer Expedition, den Dölma La mit 5.660 Metern Höhe. Viele mystische Plätze befanden sich direkt am Weg, an denen die Tibeter Himmelsbestattungen durchführten oder einfach persönliche Dinge, wie Kleidung zurückließen, sodass Ihre Seelen nach dem Tod an diesen Platz zurückkehren können.

Gemeinsam mit indischen und tibetischen Pilgern standen wir vor der mächtigen Nordwand des Kailash und konnten die Besonderheit dieses außergewöhnlichen Platzes langsam begreifen. Durch unsere Radfahrerei waren wir das Laufen nicht mehr gewohnt und  krochen am zweiten Tag halb zurück nach Darchen.

Flussdurchquerung am Mount Kailash, West-Tibet
schwierige Flussdurchquerung am Mount Kailash, West-Tibet

Auf der Weiterfahrt nach Westen, wurden wir immer wieder von hüfttiefen, reißenden Flüssen aufgehalten, da es keine Brücken gab. Manchmal war das ein ewig andauernder Kampf, nicht von der Strömung erfasst zu werden oder gar Ausrüstungsteile zu verlieren. Intensive Schlechtwettergebiete mit Schneestürmen quälten sich über die mächtige Haupthimalayakette und ließen uns einfach keine Ruhe. Eiskalte Füße und Hände gehörten zum Tages-Business der Expedition. Große Hagelkörner schossen wie Raketen aus den Wolken und knallten ins Gesicht, zwangen uns, in der leeren Hochebene Schutz zu suchen. Ali, die entlegene Hauptstadt von Westtibet rückte langsam immer näher. Eine kurze Entlastung von der schrecklichen Piste waren die 80 Kilometer Asphalt, welche uns nun bis nach Ali brachten. Nach Wochen konnten wir uns endlich wieder in der Heimat melden und den derzeitigen Expeditionsstandort übermitteln.

Die welthöchste Hochebene Aksai Chin

Pass im Aksai Chin, West Tibet
Verunglückter LKW Fahrer half uns mit einigen Nahrungsmittel weiter, West-Tibet

Von Ali (Checkpoint Charlie) aus ging es weiter hinauf in das Aksai Chin Hochland, ein Randgebiet des Chang Tang. Es ist das höchste und kälteste Plateau der Erde. Unsere Expedition nahm langsam gewaltige Ausmaße an. Nach einem kurzen Sekundenbad im eiskalten Pangong-See türmte sich die Himalaya-Landmasse scheinbar hinauf zu den Sternen. Von nun an waren wir jeden Tag deutlich über 5.000 Meter Höhe unterwegs. Die Pässe waren knapp fünfeinhalbtausend Meter hoch und so zahlreich wie nie zuvor. Der lange Aufenthalt in diesen eisigen Höhen schlug sich auf unsere Geschwindigkeit nieder und wir wurden langsamer. Die Gegend war so unwirklich, wir trauten unseren Augen nicht, als wir manchmal die eigenen Videoaufnahmen am Abend im Zelt nochmals anschauten. Keine Menschenseele war hier, nur ewiges Eis, Berge, Steine und Hochgebirgswüste. Was auch bedeutete, es gab keine Hilfe im Notfall, nur wir zwei kleinen Menschen inmitten der Endlosigkeit. Es war ein Kampf mit den Elementen der Natur und dem eigenen inneren Willen, ein Grenzgang des menschlich Möglichen.

Die nächste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten, als Peers Anhängerrad kaputt ging und Gils Hinterradnabe sich nicht mehr treten ließ. Wieder einmal war Improvisieren angesagt und wir reparierten provisorisch unsere Fahrräder. Danach brach Gil’s Anhänger-Bodenblech durch und er musste es mit dicken Draht reparieren. Es brach wieder durch und wir retteten uns gerade noch rechtzeitig zu einer einsamen Werkstatt, wo der Chinese gleich ohne Schutzbrille den Rad-Anhänger schweißte. Vor uns lag nun noch die Überquerung des Kunlun-Gebirges, welches mit vielen 7.000er Bergen die Randbegrenzung des Himalaya-Tibet-Plateaus bildet. Die letzten eiskalten, windumstürmten Pässe warteten nun auf uns und wir versuchten die allerletzten Kräfte zu mobilisieren.

Blut und Fäuste mitten im Nirgendwo

Heute gab es für uns eine böse Überraschung, mitten in den tiefen Tälern des Kunlun Gebirges. Ein PKW mit einem chinesischen Straßenvermessungs-Arbeiter fuhr mich, fast haarscharf über den Haufen. Ein paar Kilometer weiter traf Gil zuerst auf den Chinesen am Straßenrand wieder und wollte ihn zur Rede stellen. Ein großer Fehler, denn nach mehreren Handgreiflichkeiten holte er mit einem Funkgerät Verstärkung. Nach wenigen Minuten tauchte ein weiterer Wagen der Straßenarbeiter auf und 6 Chinesen stiegen aus. Dann erlebten wir ein „blaues Wunder“ als wir nieder geschlagen wurden. Ich wurde von einem Kung-Fu Chinesen mit einem Kopfstoss niedergestreckt und blutete stark. Gil wurde mit seinem eigenen Knüppel, eigentlich gegen aggressive Hunde, von 6 Leuten zu Boden geschlagen. Erst als wir beide verletzt am Boden lagen, ließen sie von uns ab. So schnell wir noch konnten, suchten wir das Weite. Nun war der absolute Tiefpunkt der Expedition erreicht, so kurz vor dem Ziel. Noch sichtlich benommen, schwörten wir uns, in den nächsten LKW einzusteigen und schnellstens hier raus zu fahren. Doch schon wenige Stunden später, kehrte sich unser Selbstmitleid in Wut um und wir nahmen die letzte Strecke in Angriff.

Die Taklamakan Wüste

Südliche Seidenstraße bei Kashgar, Xinjiang, China

Endlich, nach viereinhalb Monaten und 5.000 Radkilometern hatten wir es geschafft und standen auf dem letzten Himalaya-Pass. Somit befanden wir uns am Ausgang des sagenumwobenen Himalaya-Gebirges. Es ging wie durch ein Nadelöhr 90 Kilometer bergab in das dunstige Tiefland der Taklamakan-Wüste. Adrenalin geflutet rasten wir bergab und nach 3.500 Kilometern Panzerpiste, 61 gewaltigen Himalayapässen und unglaublichen 100.000 Höhenmetern hatten wir endlich den schönen Asphalt wieder. Bald ließen wir auch noch die letzte Bergspitze hinter uns und es wurde spürbar heißer. Die Taklamakan ist die zweitgrößte Sandwüste der Welt und wir fuhren an ihrem südlichen Rand auf der Seiden-Straße entlang. Unser Ziel war Kashgar, eine alte Handels-Karavanserei in Zentral-Asien. Baumwoll- sowie Sonnenblumenfelder wechselten sich mit grünen Pappelalleen und Sanddünen sowie urtümlichen Lehmhütten ab. Der 30. August 2004 war der letzte Tag auf unseren Rädern, denn wir erreichten nach 5.469 Kilometern Bergen und Piste, total erschöpft und abgekämpft, aber sicher, die Stadt Kashgar. Ich konnte es gar nicht erfassen, dass wir diesen Wahnsinn wirklich überstanden hatten. In Deutschland war ich vor knapp 5 Monaten mit einem Körpergewicht von 82 Kilogramm losgefahren. In der Stadt konnte ich mich wiegen und erschrak etwas, als die Waage nur noch 56 Kilogramm anzeigte. Aber in der Stadt gab es zum Glück auch ausreichend gutes Essen und wir erholten uns beide.

Am Ziel angekommen, Kashgar, Xinjiang, China

Technische Probleme

18 Reifenplatten, 3 kaputte Raddecken , kaputter Freilauf, kaputter Luftsattel, kaputtes Anhängerrad, Anhängerboden durchbrochen, Kocherpumpe zerbrochen, Filterkerze verschlissen nach ca. 450 Litern gefiltertem Wasser

Daten zur Expedition

  • Gesamt Kilometer: 5.469 km
  • Gesamt Kilometer Piste: ca. 3.500 km
  • Gesamt Kilometer nur in Tibet: 3.319 km
  • Gesamt Kilometer zu Fuß: ca. 80 km
  • Gesamt Höhenmeter aufwärts: 51.022 m
  • Gesamt Höhenmeter abwärts: 49.434 m
  • Gesamt Radstunden im Sattel: 449 Stunden + 22 Minuten
  • Anzahl Himalaya-Pässe: 61 Stück
  • Höchster Standort per Rad: Jieshan Daban Pass – 5.306 m
  • Höchster Standort zu Fuß: Dolma Pass – Kailash Kora – 5.630 m
  • Kälteste Temperatur: ca. minus 20 Grad Celsius
  • Wärmste Temperatur: ca. plus 38 Grad Celsius
  • Weiteste Tagesstrecke: 148 km
  • Längste Zeitdauer Sturm: ca. 4 Stunden
  • Größte Anzahl Stürme pro Tag: 4 Stürme

Ein unbeschreibliches Freudengefühl erfüllte uns mit Stolz und Zufriedenheit. Vielleicht waren wir die einzigen Deutschen, aber mit Sicherheit zwei, der ganz wenigen Menschen, welche diese Strecke auf dem Fahrrad an einem Stück bezwungen hatten.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.