Grenzenlose Gegensätze Indiens Indien 1997

Der goldene Tempel in Amritsar

Kaum hatten wir die Grenzen hinter uns gelassen, fällt die völlig veränderte Landschaft ins Blickfeld, obwohl nur eine politische Grenze dazwischen lag. Es war gleich viel grüner und überall standen große Schattenbäume, obwohl die Hitzebei Tagestemperaturen von ca 50 °C unerträglich war. Die erste indische Stadt welche wir erreichten, war Amritsar im Bundesstaat Punjab. Unser Ziel war der „Goldene Tempel“ von Amritsar. Hier durften wir kostenlos im Pilgerzentrum mitten im Tempel bleiben. Übernachtet wurde einfach in einem Massenschlafsaal auf dem sauberen Fussboden. Es herrschte ein unglaubliches Begängnis und zwar tagsüber wie auch nachts, einfach rund um die Uhr. Die Männer waren mit großen Turbanen, Säbeln und riesigen Schnurrbärten und die Frauen mit bunten Saris geschmückt. Es sah alles aus, wie in einem großes Theaterstück, aber nein das war Indien. Ein besonderes Erlebnis war die Essensausgabe mit 1.500 Menschen in einem riesigen Saal. Ausgegeben wurde Dal(Linsen) mit Chapati (Fladenbrot) und Pickle aus sauren Mangostücken. Der Geschmack war wie eine Explosion durch die verschiedensten Gewürze und Kräuter, vor allem aber sehr sehr scharf. Das Thermometer ging selbst in der Nacht nicht unter 35°Celsius. Wir hielten es nicht mehr aus und fuhren weiter Richtung Norden an den Rand des indischen Himalayas.

Auf em Weg zum Taj Mahal

Der Sitz des Dalai Lama

Der Dalai Lama, welcher aus Tibet vor den Chinesen flüchten musste, lebt heute mit vielen Exil-Tibetern in Dharamsala, unserem nächsten Ziel. Steil ging es hinauf nach Mc Leod Ganj auf 2.600 m Höhe, wo sich die tibetischen Klöster an die südlichen Himalaya Hänge schmiegen. Auf dem Weg krachte es bei Peer im Schaltwerk und mit einem Hieb flog es in tausend Stücke. Mühsam suchten wir die Straße ab, um die Einzelteile wieder zu finden. Ein paar Meter weiter war eine kleine Werkstatt. Mit einfachsten Mitteln und absoluter Perfektion schweißte ein Inder das Schaltwerk wieder zusammen. Mit dem Schrecken davon gekommen ging es zum Ziel, dem oberen Dharamsala. Hier quartierten wir uns direkt in ein Kloster ein, wo man für wenig Geld kleine Zimmer mieten konnte. Leider erfuhren wir, dass der Dalai Lama auf einer Auslandsreise verweilte und auch sobald nicht nach Dharamsala zurückkehren würde. Dennoch ist es ein ganz besonderer Ort mit vielen tibetischen Tempeln und Hunderten von Gebetsmühlen. Weiter oberhalb der Enklave mit dem Sitz der tibetischen Exilregierung befinden sich ausgedehnte Wälder mit jahrhundertealten Rhododendronbäumen, Wasserfällen und intakter Natur. Ein Bad im klaren Wasser war eine fantastische Abkühlung nach der ermüdenden Hitze im Flachland.

Nach Überschwemmungen im Punjab bei Tagestemperaturen bis 50°C West Indien
Zurück in den Himalaya Richtung Königreich Ladakh
Schlechte Straßen im Hoch-Himalaya beanspruchen Mensch und Material
gebrochene Keramik Felge auf der Strecke nach Leh
Schöne Felsformationen auf dem Hoch-Himalaya

Wir dachten gar nicht daran, zurück ins Flachland zu fahren. Wir blieben im Bundesstaat Himachal-Pradesh und fuhren weiter hinauf in die Berge. Unser Weg führte uns in den Hoch-Himalaya bis ins Königreich Ladakh. Fortan wurde es immer anstrengender, denn vor uns türmte sich die Hauptkette des Himalayas auf, mit gewaltigen Bergen und steilen Passstraßen. Der Ausgangspunkt für die höchsten Straßen der Welt ist Manali auf 2000 Meter Höhe, am Ende des grünen Kulu-Tales. Nach einer Akklimatisation von einigen Tagen fuhren wir als erstes den Rhotang (Leichenhaufen) Pass 3.970 m unter extremsten Bedingungen bergauf. Schlamm, Schnee und Kälte machten uns das Vorankommen schwer. Wir waren wohl die ersten Radfahrer in diesem Jahr auf der Strecke. Nördlich von Keylong am strömungsreichen Bhaga Fluss passierte dann das Unglück. Gils Hinterrad-Felge zerbrach unter der Last und der Beanspruchung. Nun ging uns noch ein Licht auf, denn Keramikfelgen sind für eine Weltumradlung absolut ungeeignet, sie sind viel zu spröde. Auch Ersatzfelgen hatten wir nicht dabei, noch ein gravierender Fehler. Einige Tage später ging es von der Unglücksstelle leider im Linien-Bus weiter nach Leh/ Ladakh. Durch die Busscheibe sehen wir die eindrücklichen Landschaften an uns vorbei ziehen und uns war klar, dass wir auf dem Rückweg diese Strecke nochmals in Angriff nehmen.

Auf unbestimmte Zeit gefangen in Leh / Ladakh

In einem Radius von 500 Kilometer gab es nach tagelanger Recherche keine Möglichkeiten, Ersatzteile für Fahrräder zu kaufen, ein Schock! In Leh, der Hauptstadt des buddhistischen Himalaya-Königreiches kontaktierten wir unsere Eltern in Deutschland via Telefon, ob sie uns ein Paket mit Ersatzfelgen nach Indien senden könnten. Nun hieß es warten. Wir besuchten die schönsten Feste im Sommer, wie jenes im Hemis Kloster mit uralten Maskentänzen. Zu unserer Überraschung kam sogar der Dalai Lama nach Leh, das erste Mal nach 18 Jahren wieder. Die ganze Region Ladakh und Zanskar war auf den Beinen, um ihn zu sehen.

Leh, Hauptstadt von Ladakh, Nord-Indien
Fest im buddhistischen Hemis-Kloster
Maskentanz im Hemis Kloster

Auf einer riesigen Wiese, wo er vor der Öffentlichkeit sprach, fanden sich ca. 20.000 Menschen in traditionellen Trachten ein, was für ein Spektakel. Hier war es unmöglich, mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln. Aber Peer gab nicht auf und hatte das große Glück, den Friedensnobelpreisträger persönlich bei einem Besuch in einer kleinen moslemischen Schule in Leh kennen zu lernen. Gil lag leider mit einem Hitzschlag im Bett. Mit vielen positiven Eindrücken verließen wir erst einmal Leh, um einen Himalaya 6000er zu besteigen, den Stok Kangri, mit 6.121 m die höchste Erthebung von Leh. Die Bergbesteigung dauerte über eine Woche. Der Ausblick auf umliegende Giganten war unvergesslich. Nach knapp 7 Wochen Wartezeit und vielen Opfergaben und Gebeten war das Paket mit den Ersatzteilen aus Deutschland immer noch nicht da. Vielleicht kommt es ja niemals an, dachten wir, vielleicht wurde es auch gestohlen? In der 8. Woche ging Peer zur kleinen Poststelle und da war es, dieses wichtige Paket aus Deutschland, unserer Heimat. Übermütig vor Freude rissen wir das Paket auf. Danach mussten wir leider herausfinden, dass Gegenstände auf dem Postweg entwendet wurden, glücklicherweise waren die wichtigen Fahrrad-Ersatzteile und neue Vorderrad-Packtaschen noch drin. Sofort wurden die Räder von uns repariert und startklar gemacht.

Auf dem Pfad einer 6000der Bergbesteigung Ladakh, Nord-Indien
Stock Kangri Gipfel 6.121 m aus der Distanz
Auf dem Gipfel des 6.121 m hohen Stock Kangri

Freiheit auf den höchsten Passstraßen der Welt

Die Stadt Leh befindet sich auf 3.500 m Höhe, von hier windet sich eine Straße weitere 42 Kilometer in den Himmel, hinauf zum Kardung Pass in Richtung Nubra Tal. Mit 5.602 Metern ist sie die offiziell höchste Straße der Welt und wir benötigten dafür volle 2 Tage. Zurück in Leh überprüften wir nochmals unsere Räder, bevor es endlich auf die Strecke über die Himalaya Gebirgskette ging, welche wir vor 2 Monaten nur aus dem Bus sehen konnten. Diesmal hielten die Räder durch. Nach weiteren 14 Tagen und mehreren 5000er Passstraßen waren wir wieder im Flachland. Die endlose Abfahrt hinunter nach Manali war ein Adrenalin geflutetes Erlebnis für sich.

Serpentinen zum welthöchster befahrbarer Pass, Kardung La 5.602 m
Auf dem Gipfel des Kardung La 5.602 m

Ein gefährlicher Zwischenfall

Die Fahrt ging weiter durch die Ganges-Tieflandebenen Richtung Taj Mahal. Auf dem Weg dorthin statteten wir in der Hauptstadt Indiens, Delhi, der Deutschen Botschaft einen Besuch ab. Dort lag mein neues Schaltwerk „Poste restante“ zur Abholung bereit. Nun war mein Rad wieder in Topform und es konnte zum weltberühmten Mausoleum aus weißen Marmor von Shah Jahan gehen. In der angehenden Dämmerung radelten wir der Stadt Agra entgegen, als uns ein LKW überholte. Gil fuhr vor mir und bevor wir uns beide bewusst werden konnten was passiert, waren wir in einer lebensbedrohlichen Situation. Der LKW hatte keine Ladeklappe und als der Fahrer Gas gab, schoss ein tonnenschwerer unbefestigter Eisen-Anhänger von der Ladefläche. Nur einen knappen halben Meter vor Gils Vorderrad krachte das Teil auf die Straße und flog auf die gegenüber liegende Fahrbahn. Gil stürzte über seinen Lenker und hatte dabei riesiges Glück, dass er nicht ernsthaft verletzt wurde. Nach diesem Schreck zitterten uns die Knie und wir hatten große Mühe Agra zu erreichen.

Überfüllte und enge Gassen in Indiens Städten
weltbekanntes Taj Mahal, Indien
Auf em Weg zum Taj Mahal

Gegensätze Indiens

Die Strassenverhältnisse in Indien gehören zu den gefährlichsten in Asien. Was für ein Chaos in den Städten! Am Abend lagen überall Bettler auf den Verkehrsinseln und übernachteten mitten im Getümmel. Kühe, Ochsenkarren, Rikscha-Fahrer, fliegende Händler, Taxis, Elefanten und Busse verstopften die engen Gassen und Straßen. Durch das Kastensystem ist die indische Gesellschaft in mehrere Gruppen geteilt. Die Brahmanen (intellektuelle Elite und Priester), die Kshatriyas (Krieger und Beamte) Vaishyas (Händler und Kaufleute) sowie die Shudras (Handwerker und Tagelöhner) und darunter die Paria (Unantastbaren). Dadurch entstehen massivste Unterschiede in der Gesellschaft, die Gegensätze in Indien könnten kaum größer sein. Alles, wie jeder Sozialstatus resultiert aus dem Karma, der Ansammlung von guten und schlechten Taten aus früheren Daseinsformen. Die Kasten können nach den Regeln der Hinduh-Religionslehren nicht überwunden werden. Deshalb sahen wir überall eine strikte Gesellschaftstrennung mit hunderten von Regeln.

Das Risiko von Krankheiten

Auf dem Weg in den Süden nach Sri Lanka durchquerten wir den gesamten Subkontinent Indiens mit zahlreichen kleinen Dörfern und Siedlungen. Wir waren fast nur in ländlichen Gegenden unterwegs und lernten dabei die Traditionen der Bevölkerung intensiv kennen. Die Hitze und der Staub waren unerträglich. Die Nahrungsmittel waren extrem knapp und es gab fast ausschließlich nur vegetarische Nahrung, jeden Tag dasselbe – Fladenbrot mit scharfen Linsen. Wir übernachteten in Raststätten für LKW-Fahrer direkt an der Straße auf Bast-Pritschen, wo niemals Ruhe einkehrte und es von Moskitos nur so wimmelte. Wir wurden beklaut und manchmal bei einer Fahrradpanne von hundert Menschen umringt. Jeder von uns konnte zusehen, wie er Körpergewicht verlor und immer dürrer wurde. Dazu kamen immer wieder neue Krankheiten wie, Infektionen und Darmerkrankungen durch schlechtes Wasser. Ein weiterer Höhepunkt in Indien war eine Malaria-Infektion bei Peer. Wir retteten uns bis nach Panaji, der Hauptstadt im Bundesstaat Goa, wo ein Labor mit einem Bluttest die Malaria tertiana bestätigte, was für ein Schock. Da Peer Fieber hatte und im Delirium war, glaubte er die Diagnose des Labors nicht und ließ den Test wiederholen. Da es keine Impfung gegen Malaria gibt, musste die Erkrankung mit starken Medikamenten behandelt werden. Bei einem Körpergewicht von 52 Kilogramm und extremer Schwäche dauerte die Genesung einen ganzen Monat. Bei einem Fieberschub von über 41 Grad Celsius stand Peer direkt vor dem Hotel und konnte den Eingang nicht finden.

Danach ging es in den Bundesstaat Kerala, bis zur Stadt Kochi mit einer alten portugiesischen Festung. Das erste Mal traf hier meine Vorstellung über das wahre Indien, mit kleinen Gassen, dem Duft von Gewürzen und alten Schiffen im Hafen, ein. Hier bestaunten wir die Kathakali Tänze, ein lebendig aufgeführtes Drama des hinduistischen Mahabharata und Ramayana Epos. Die Tänzer erlernen über Jahre die absolute Beherrschung jeder einzelnen Muskelgruppe im Gesicht.

In Thiruvananthapuram im südlichen Kerala, zerlegten wir unsere Räder, der Sattel wurde herunter gefahren, der Lenker quer gestellt, die Luft aus den Reifen gelassen und die Pedalen wurden abgebaut.
Nun endlich nach ca. 8 Monaten konnten wir Indien verlassen und flogen nach Sri Lanka, dem alten Ceylon.

Wasser-Reinigung mit Filter auf dem Land, Südindien
Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.