Tibet – Erfolg und Desaster am Mount Everest Tibet 1998

Die Fahrt nach Lhasa

Unsere kleine Gruppe hielt über Nacht in Nyalam, auf knapp 3.800 Meter Höhe. Wir erfuhren von unserem Guide, dass wir erst nach Lhasa fahren müssen, bevor wir uns von der Gruppe mit Guide trennen dürften. Dazu müssten wir den Behörden in Lhasa einen Besuch abstatten.  Also stand uns nun eine 500 Kilometer weite Jeep Fahrt nach Lhasa bevor, allerdings mit fantastischem Wetter und Sonnenschein.

Straße von Nepal nach Tibet, auf den Dachfirst der Welt

Am nächsten Morgen in klirrender Kälte ging es weiter Bergauf, hinauf zur Himalaya-Hauptkette, dem Lalung La Pass mit 5.050 Metern. Von hier oben hatten wir einen unbeschreiblichen Weitblick auf die gesamte Himalaya-Gebirgskette und einige Achttausender. Darunter der Cho Oyu 8.201 m und die Shisha Pangma 8.013 m. Tibet war für mich fantastisch, interessant, weit und erhaben. Unser heutiges Ziel war Xigaze, wo sich das Kloster Tashilhunpo befindet, das Kloster des ehemaligen Panchen Lama.

Haupt-Himalaya Kette von Tibet aus

Alles ist genau geregelt, wo wir halten und wann wir anhalten. Der so genannte Guide ist eingestellt unter der Kontrolle der PSB, dem chinesischen Inlandsheimdienst um alle Ausländer zu überwachen. Deshalb fühlten wir uns immer beobachtet. Am dritten Tag erreichten wir die heilige Hauptstadt Tibets, Lhasa und wir waren auch etwas schockiert, wie stark der chinesische Einfluss der letzten Jahrzehnte in Tibet war. Wir entdeckten den mächtigen, alles überragenden Potala, die Winterresidenz des Dalai Lamas und darunter „Mc Donalds“  und moderne Geschäfte sowie Hochhäuser.

Wir wurden im traditionellen Yak Hotel, im wunderbaren Altstadtviertel von Lhasa untergebracht. Danach ersuchten wir schriftlich um Genehmigung uns von der Gruppe zu trennen. Diesem Wunsch wurde uns zum Glück ohne große weitere Probleme entsprochen. Von nun an waren wir frei und wir hatten einen Plan. Einige Tage verweilten wir in Lhasa bevor wir alles für unsere Rückfahrt nach Dingri in der Grenze zu Nepal planten. Wir wollten die gefahrene Strecke nun mit dem Fahrrad zurück legen.

Das Mount Everest Base Camp

Mit einer lustigen Gruppe von jungen Traveller’n fuhren wir mit einem weiteren Jeep (unsere Fahrräder im Gepäck) zurück nach Dingri und trennten uns dort einfach von der Reisegruppe. Es war schon spät am Abend und im Dämmerlicht fuhren wir dem mächtigen Pang La Pass mit über 5.200 Metern Höhe entgegen. Auf einmal sahen wir einen Schlagbaum mit Kontrollposten der chinesischen Armee in der Distanz. Da wussten wir, das wir diesen nur heimlich und Nachts überqueren konnten, da das individuelle Reisen mit oder ohne Fahrrad für Ausländer in ganz Tibet streng untersagt ist. Kurz danach fuhr mir der Schreck in die Glieder als ich merkte, dass mein so wichtiges Proviant Paket, welches auf meinem Gepäckträger geschnallt war, verschwunden war. Es hatte sich wahrscheinlich durch das Gerüttel auf der steinigen Piste gelockert und ist dann verloren gegangen.

Piste zum MT. Everest Base Camp
Tibeter laden and der Straße zum Buttertee ein

Gil musste im Versteck warten, während ich zurück fuhr und es suchte. Circa fünf Kilometer im Dunkeln musste ich fahren und suchen, bis ich mit meiner Stirnlampe am Rande der Piste den besagten Beutel wieder gefunden hatte. Endlich kam auch ich wieder im Versteck hinter einem großen Felsen an und wir warteten. Wir hatten kaum noch Wasser und rund herum war alles Staubtrocken. In Tibet ist die Verdunstung viel höher und man sollte pro Tag mindesten 4 Liter Wasser trinken. Wir waren total dehydriert und hatte Kopfschmerzen von der großen Höhe und der Anstrengung. Wir beobachteten den Kontrollposten immer wieder und entschieden um 1 Uhr früh zu starten. Der Puls pochte und das Herz raste vor Aufregung, was passiert wenn sie uns erwischen? Eine Glühbirne erhellte den Schlagbaum und so leise wir nur konnten schoben wir die schwer beladenen Räder unter dem Schlagbaum und verschwanden auf der anderen Seite in der Dunkelheit.

Wir schoben die Räder stundenlang in absoluter Dunkelheit den Pass empor, in der Hoffnung eine Möglichkeit für ein Camp zu finden und Wasser. Aber es gab nichts, mit staubtrockenen Kehlen legten wir uns in die Schlafsäcke direkt an der Piste, das jetzt sowieso kein Fahrzeug fuhr. Wenige Stunden später wurden wir von einem Fahrzeug geweckt und total erschöpft fuhren wir die letzten Kilometer auf die Passhöhe. Oben angekommen waren die Schmerzen auf einmal wie weggeblasen, denn dort erblickten wir das erst Mal den höchsten Berg der Erde, den Mount Everest, wolkenfrei. Die Spannung nahm immer weiter zu, je näher wir dem Everest Basislager kamen. Auf dem Weg wurden wir von neugierigen und freundlichen Tibetern zum Buttertee direkt an der Straße eingeladen. Später fanden wir uns in einer Alten von Wasserkraft angetriebenen Mühle wieder, wo „Tsampa“ hergestellt wurde. Geröstete gemahlene Gerste ist das Hauptnahrungsmittel in Tibet neben Buttertee und getrocknetem Yakfleisch.

Während unserer Einreise nach Tibet, hatten wir streng verbotene Dalai Lama Bilder in den Hohlrohren von Sattelstütze und Lenker versteckt. Diese wollten wir hier in Tibet nun dankbar verteilen. Wir tauschten mit dem freundlichen Tibeter ein Bild gegen etwas Tsampa Mehl, ein guter Energie-Lieferant zum Radfahren. In der Nacht schliefen wir an einem kleinen Bach und freuten uns über genügend Wasser zum Trinken, ohne zu ahnen wie sich Wasser Nachts in den Höhen des Himalajas verhält. Pünktlich nach Mitternacht wurden wir von dem überquellendem Fluss aus unseren Schlafsäcken gerissen.

Tagsüber schmilzt die Sonne das Eis auf den Gletschern und es braucht viele Stunden bis es im „Tal“ ankommt. Dazu raubte uns noch eine Gruppe wilder Hunde den Schlaf, die unsere Suppen und Vorräte unter den Isomatten weg klauten. Mit Steinen konnten wir sie nur mühsam in Schach halten und vertreiben.  Nach dieser Nacht die uns noch ein Weilchen beschäftigte, fuhren wir nach einigen Stunden um eine Kurve und auf einmal war er da, der Mount Everest, vor unseren Augen. Was führ ein majestätischer Anblick. Nur wenige Meter vor uns befand sich das Kloster Rongbuk, mit circa 5.000 Metern Höhe einer der am höchst gelegenen und ganz jährig bewohnten Orte der Welt. Nur acht Kilometer weiter erreichten wir das weltbekannte Mount Everest Basislager, auf 5.300 Metern. Wir durften unsere kleinen  Zelte direkt zwischen den Bergsteigergruppen aufbauen und waren hautnah bei den Ereignissen am Berg dabei.

Kloster Rongbuk am Everest
Nord Base Camp Everest auf 5.300 m Höhe
Blick auf das legendäre North Face Mount Everest 8.850 m

Leider spielte sich gerade ein Disaster am Berg ab als ein russisch us-amerikanische Ehepaar getrennt wurde. Die Frau schaffte es nicht mehr das letzte Hochlager zu verlassen und starb. Daneben feierte eine weitere Gruppe die erfolgreiche Besteigung des Berges ohne zusätzlichen Sauerstoff aus Flaschen. Was für ein Wirrwarr und Bad der Gefühle zwischen an diesem besonderen Ort. Nach 2 Tagen haben endlich die Kopfschmerzen nachgelassen und mann konnte von akklimatisiert sprechen. Nun verließen wir das Basislager und fuhren auf dem Dachfirst der Welt mit unseren Rädern nach Lhasa.

Der Dachfirst der Welt.

Wir hatten im Basislager von einer japanischen Expedition sogar reichlich Trockennahrungsmittel bekommen und hatten immer wilden Hunger. Während einer Mittagspause, als wir uns mit unserem Benzin betriebenen Kochern etwas zubereitet hatten, landete in meinem Kochtopf ein kleines weises und extrem schwer zu öffnendes Päckchen. Es waren nur japanischen Zeichen zu erkennen und ich dachte es wären Gewürze. Nicht einmal beim Einstreuen hatte ich bemerkt, dass es Silicagel Pulver zum trockenen Lagern war.  Erst beim Verschlingen der Nudelsuppe merkte ich das Desaster, als die Suppe wie Strom im Mund war. So schnell ich konnte, versuchte ich mich zu übergeben, um das giftige Zeug loszuwerden. Danach aß ich medizinische Kohle zu Entgiftung aus unserer  Notfall-Apotheke. Mit ging es den ganzen Tag ganz und gar nicht Wohl bei der Sache.

Wir fuhren durch die alte Handelsenklave Gyangze, eine Stadt mit vielen Tschörten und buddhistischen Tempeln sowie alten Gebäuden. Unterwegs in den kleinen Städten oder Dörfern aßen wir immer wieder Momo Teigtaschen und Tukpa, eine wohl schmeckende Nudelsuppe. Unsere Blicke berührten oft die Haupt-Himalaja Gebirgskette mit weiteren Giganten, an welchen wir parallel entlang fuhren. Vom Karo La Pass aus ging es hinunter zum heiligen Yamdrok Yumco oder Skorpions-See. Noch nie hatte ich solch ein azurblau gesehen und die Luft war so Kristallklar, dass alles viel näher aussah als es wirklich war. Auf der anderen Seite des magischen Sees erklommen wir den steilen Kamba La Pass, um die letzten Kilometer nach Lhasa zurückzulegen.

Heiliger Yamdrok See, Tibet

Zurück in Lhasa

Es war ein wahrer Kulturschock nach der Einsamkeit auf der Tibetischen Hochebene. Der Trubel in den chinesischen Stadtteilen und die vielen Menschen wirkten rastlos. Wir fühlten uns wieder in der Altstadt von Lhasa wohl, in der Nähe des Jokhang Tempels am Palkor Platz. Hunderte Gebetsmühlen drehten sich am Linkor, dem Umwandlungsgang des Jokhangs im Uhrzeigersinn. Weihrauch vermischte sich mit dem Gemurmel der betenden Menschen und hundert tausende Kerzen spendeten Licht. Wir liefen durch das Innere des rund 1000 Jahre alten Tempels und erfuhren später, dass die Chinesen in der Kulturrevolution in den 70er Jahren den Jokhang zur Demütigung der Gläubigen als Schweinestall missbrauchten.

Potala, Winterresidenz des Dalai Lama in Lhasa, Tibet

Die Süd-Nord Überquerung des gesamten Himalayas

Nach einigen Tagen stand die Entscheidung fest, ganz Tibet zu durchqueren. Wir wollten auf dem Landweg nach China weiterfahren, statt nach Burma zu reisen. Mit unseren Rädern ging es auf eine wahre Durststrecke von über 1.500 Kilometern Hochebenen. Unsere Fahrt führte über den 5.200 m hohen Laken La Pass zum Felsentor am Himmelssee. Der 4,700 m hohe Nam Co See ist der zweitgrößte See Tibets und ein weiterer heiliger Ort. Am Felsentor gab es ein kleines Kloster und Gebetsfahnen wehten im Wind. Die Wolken flogen wie Drachen über den See und berührten die Oberfläche, ein sehr mystischer Ort. Die Legende besagt, dass jener der durch das Tor schreitet und mit einem Bad im See unter die Oberfläche taucht, noch in diesem Leben erleuchtet wird. Also nichts wie hin und ein Bad genommen.

Nach diesem besonderen Erlebnis hatten wir mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, auch weil Rad fahren für Ausländer in Tibet ein großes Problem darstellte. Wir konnten kaum Wasser zuladen oder Nahrungsmittel. Das Profil unserer Reifen war so abgefahren, das wir in die Raddecken Lederfetzen einnähen mussten, Ersatzdecken gab es nicht. Einen großen Schreck gab es, als bei einem kurzen Halt am Straßenrand vom Hang ein Fußball großer Stein auf Gils Fahrrad fiel. Danach war der Rahmen zwar stark verbogen aber er konnte damit immer noch weiterfahren. Zum Glück bestand unser Rahmenmaterial aus Titanium, extrem hart und biegsam.

Über den Trans Himalaya nach Norden hinein ins chinesische Reich

Eines Tages war unser Wasser komplett alle und keine Siedlung, kein Fluss und kein Bach war weit und breit zu sehen. Es waren hunderte Kilometer zum nächsten Stützpunkt. Da fing es auf einmal an zu Regnen. Mit unseren Trinkwasserfiltern reinigten wir das Schlammwasser aus der Pfütze so schnell wir nur konnten und bekamen jeder gerade einen Sack mit Wasser voll, bevor es im Boden versickert war. Auch wenn es sehr salzig schmeckte, wir hatten Wasser. Vor uns stand nun wiedermal eine nächtliche Überquerung eines Check Points. Diesmal war es die nördliche tibetische Grenze um nach China in die Provinz Quinghai zu gelangen. Wieder am frühen Morgen, leise und schnell überquerten wir den Kontrollposten.  Wir hatten nach tausenden Kilometern Tibet verlassen und waren als Radfahrer nun außerhalb des Risikos verhaftet zu werden. Diese tollen Erlebnisse und die Herrlichkeit Tibets werde ich von nun an in meinem Herzen tragen.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.