China – Eis Kalt auf 7.211 Meter ins Guinness Buch Muztagh Ata 2009

Visionen

Als wir im Jahr 2004 auf unserer Trans Himalaya Radexpedition, nach 5.500 Kilometern in Kashgar angekommen waren, trafen wir auf einen niederländischen Bergführer. Dieser erzählte uns im Hotel bei einer Tasse Tee, dass er gerade von einer Bergexpedition am Muztagh Ata zurück war. Ich hörte aufmerksam seinen Ausführungen zu, als er etwas von einem Weltrekord einer internationalen Fahrrad-Expedition faselte. Er erzählte uns, dass Radfahrer aus Belgien und den USA einen Guinness Weltrekord auf 7.008 Metern im Jahr 2000 aufstellten. Ich glaubte nicht recht zu hören: „Mit dem Fahrrad?“ fragte ich nochmals nach. Sie hätten die Räder auseinander genommen, die Teile hochgetragen und oben wieder zusammengebaut. Danach sind sie nur ein kleines Stück bergab gefahren, dann hatten sie den Höhen-Weltrekord in der Tasche. Je mehr ich hörte, desto interessierter war ich. Nach einer Weile dachte ich mir: ‚Das wäre etwas für uns, das können wir doch besser!‘. Seit diesem Moment ging mir die Geschichte nie wieder aus dem Kopf. Doch bis diese Vision Realität wurde, sollten Jahre vergehen.

Blick vom Karakol-See 3.600 Meter auf Muztagh Ata Gipfel 7.546 Meter
Kmatolja Gletscher am Muztagh Ata

Die erste 7000er Himalaya Bergbesteigung 2008

Im äußersten Westen Chinas, in der Provinz Xinjiang, befindet sich neben der legendären Seidenstraße der mächtige Himalaya-Gigant „Muztagh Ata“ mit 7.546 Metern, auch „Vater der Eisberge“ genannt. Dieser Berg stellte für uns eine gigantische  Herausforderung dar. Als erstes wollten wir den Himalaya-Gigant im Jahr 2008 näher kennen lernen und eine Vorbereitungs-Expedition für 2009 starten. Wir wollten die Routenführung zum Gipfel sehen, die Spalten und Eisfälle lokalisieren und den gesamten Ablauf der Expedition trainieren. Ende Mai 2008 ging es dann nach einem Jahr Vorbereitungszeit mit der Besteigung des „Muztagh Ata“ los. Wir wollten diese Expedition mit fairen Mitteln und ohne Zuführung von künstlichen Flaschen-Sauerstoff bestreiten.

Kartamak Gletscher am Muztag Ata

Durch Pakistans Norden

Von Pakistan aus ging die Anreise über den legendären Karakorum Highway, vorbei am Nanga Parbat 8.123 Meter, zur chinesischen Grenze auf den Karakorum Pass. Auf dem Weg erlebten wir gemeinsam mit unserem Freund und Begleiter Lutz Illing viele Abenteuer. Mit 300 Kilogramm Gepäck ging unsere holprige Fahrt in einem gemieteten Minibus durch die mächtigen Berge des Karakorum Himalayas. Die Straße führte entlang der alten Seidenstrasse durch die engen Täler des Karakorums und des Hunza mit hohen und bizarren Bergen. Der Indus türmte glänzende Sandbänke an seinen Ufern zu langen Stränden auf. Und urplötzlich nahm der Nanga Parbat mit seinen 8.123 Metern Höhe die azurblaue Himmelsscheibe ein. Der Berg erschien vom Industal aus gesehen so hoch, als würde er die Sterne berühren. Nach einer Woche Anreise auf dem Karakorum Highway stieg die Strasse immer weiter an, hinauf zum höchsten Grenzpass der Welt, dem Kunjerab Pass.

Mitten aus dem Karakorum Highway
Anfahrt auf Karakorum Highway, Pakistan 2008
Hirten-Junge auf der Märchenwiese am Nanga Parbat, Pakistan
Die Kathedrale, Nord Hunza, Karakorum, Pakistan

In diesen Tagen war die Einreise über Land nach China wegen der olympischen Spiele, den Tibetausschreitungen und der Erdbebenkatastrophe sehr schwierig. Nur mit der Hilfe und den gültigen Genehmigungen unseres chinesischen Kontaktmannes aus Kashgar ließen uns die chinesischen Beamten passieren. Nach der Überquerung der höchsten Grenzstation der Welt, dem Kunjerab Pass 4.693 Meter, führte die Seidenstraße hinunter in das Tarimbecken Richtung Kashgar (chin. Provinz Xinjiang). Fortan waren wir in China unterwegs. Von der Stadt Tashkorgan aus ging unsere Fahrt weiter in das kleine Kirgisendorf Subax am Fuße des „Muztagh Ata“, dem Vater der Eisberge. Die wüstenartige Landschaft war mit saftig grünen Wiesen durchzogen, auf denen vereinzelt Jurten und Yakherden zu sehen waren. Unser gesamtes Gepäck wurde hier, am Ausgangspunkt aller Expeditionen zum Berg, auf Kamele verladen. Das war ein besonderer Anblick vor der Kulisse des mächtigen Eisberges.

Base Camp 4.450 m, normale Aufstiegs Route, Muztagh Ata

Ungefähr vier Stunden dauerte der Anmarsch in das Basislager des Berges. Es befindet sich auf circa 4.450 Meter Höhe. Dann hieß es, bestmöglich zu akklimatisieren, um die Risiken einer Höhenkrankheit zu minimieren. Ein ganzer Monat stand für die Besteigung und den gesamten Ablauf der Expedition zur Verfügung. Dieses Vorhaben war für uns die Grundvoraussetzung für den später geplanten Rekordversuch im Jahr 2009.

Eine böse Überraschung

Es dauerte viele Stunden bis unser Basislager mühevoll eingerichtet war. Das ganze Base Camp war sehr groß und teilte sich in verschiedene Ecken und Lager. Wir wählten eine Art Delle unterhalb einer großen Rinne direkt unterhalb vom Anstieg. Erst spät kamen wir zur Ruhe, als uns mitten in der Nacht, circa um 1.00 Uhr viel Aufregung und Geschrei aus dem Schlaf riss. Was war denn hier bloß los? Wir waren kaum raus aus dem Zelt, schon standen wir mitten in einem reißenden Bach, welcher sich die Hänge des Berges hinunter stürzte. Wir hatten keine Zeit mehr darüber nachzudenken, wo die gewaltigen Wassermassen herkamen, alles wurde überspült. Wir rissen zu dritt die Zelte aus der Verankerung und trugen diese mit dem gesamten Inhalt auf eine Anhöhe. So schnell es ging, retteten wir was wir konnten. Eiskalt und klitschnass waren wir eine Stunde später in der Dunkelheit der Nacht fertig mit unserem Umzug. Wir lernten, dass man sein Basislager nie an einer Wasserrinne aufbauen sollte, da das Schmelzwasser vom Tage meistens erst in der Nacht unten ankommt.

Am nächsten Tag sah die Welt schon wieder besser aus. Schritt für Schritt richteten wir in den folgenden Tagen die einzelnen Hochlager ein und akklimatisierten dabei ganz langsam. Der ständige Auf- und Abstieg führte uns immer wieder durch gewaltige Gletscherbrüche und Spalten. Das Wetter war sehr wechselhaft und nicht selten stiegen wir im dichten Nebel und Schneesturm zu unseren Hochlagern auf.

Lager I - ca. 5.600 m, Normalroute Muztagh Ata
Camp 1, 5.600 m, Muztagh Ata

Nach über 2 Wochen am Berg waren wir im Lager 3 auf 6.800 m angekommen und wollten in den frühen Morgenstunden endlich den Gipfelsturm wagen. Leider hatte mich eine schlimme Erkältung erwischt. Diese verstärkte sich immer weiter, je höher ich stieg. Sie ließ sich auch nicht mehr auskurieren und am Tag unseres Gipfelsturmes fühlte ich mich ausgelaugt und hatte einen enormen Reizhusten. Das waren erste gefährliche Anzeichen eines Lungenödems. Als es hell wurde, traf ich die Entscheidung, hinunter in das Lager 2 abzusteigen, wo ich auf die anderen beiden wartete. Zeitgleich wagten Lutz und Gil den Aufstieg Richtung Gipfel bei -25° Celsius und einem halben Meter Neuschnee. Allerdings blieben die beiden auf circa 7.100 m Höhe mit ihren Schneeschuhen einfach im Pulverschnee stecken. Es gab bei diesen Verhältnissen für Lutz und Gil keine Chance, den Gipfel noch zu erreichen.

Abstieg durch den Eisfall von Camp 2 in das Camp 1, Muztagh Ata
Blick von Camp 1, 5.600 m, Muztagh Ata

Gemeinsam bauten wir die Hochlager ab und kehrten unter großer Kraftanstrengung im Schneesturm zurück ins Basislager. Weitere Vorbereitungen für den Weltrekord-Versuch warteten im nächsten Jahr am „Muztagh Ata“ auf uns.

Ein Mountain-Bike für den Welt-Rekord

Eine der größten Herausforderungen war es, das richtige Fahrrad / Mountain Bike für den Rekord-Versuch zu finden. Es war eine wahre Odyssee, bis wir die Räder hatten. Wir klapperten die Radgeschäfte ab, suchten in Magazinen und im Internet, doch wir fanden nichts. Einmal im Jahr findet die Eurobike Messe in Friedrichshafen statt, mit vielen Ausstellern aus aller Welt. Gut vorbereitet durchstöberten wir die Messehallen, fragten die Produzenten und Firmen. Niemand hatte etwas Geeignetes für unser Vorhaben, bis wir auf den Hersteller „SURLY Bikes“ aus den USA trafen .

Surly Bike in der Montage, Cosmic Sports, Fürth, Deutschland

Dort erzählten wir was wir suchten, doch leider hatten sie ein solches Bike dieses Jahr nicht dabei. Wir hörten vom SURLY Pugsley Bike, mit circa 10 cm dicken Reifen, geeignet für Schnee, Eis und winterliche Verhältnisse. Wir beworben uns um einen Sponsoring Vertrag, was sich extrem schwierig gestaltete. Nach vielen Monaten Wartezeit kamen bei unserem SURLY Deutschlandvertreter in Fürth tatsächlich zwei „Pugsleys“ an.

In großer Sorgfalt wurden sie von „Cosmic Sports“ mit den besten Schaltteilen und Zubehör versehen, darunter einen single speed drive, also nur ein Kettenblatt. Als uns die Räder vor Ort übergeben wurden, testeten wir sie in Sachsen. Ganz begeistert staunte ich, welch niedrigen Schwerpunkt die Räder hatten und wie leicht sich diese Räder fahren ließen. Wir hatten aber noch ein weiteres Problem, denn die Reifen hatten nur wenig Profil, dafür waren sie leicht. Wir tüftelten und entwickelten unser eigenes Schneeketten System, ähnlich wie beim Auto. Damit hatten wir das Problem gelöst. Nach Fertigstellung wogen die Räder 13 Kilogramm. Das war wichtig, denn wir mussten die Räder für den Rekord auf unserem Rücken tragen.

Entwicklung von Schneeketten, Deutschland

Letzte Vorbereitungen für den Start 2009

Nun hatten wir die Räder fertig, das Equipment ausgewählt und die Permits in China beantragt. Wir legten für uns fest, dass wir die Rekordlatte viel höher legen wollten, als der letzte eingetragene Rekord von 2000. Wir wollten die Räder komplett und ohne Demontage nach oben tragen. Der Rekord sollte ohne jegliche fremde Hilfe stattfinden, ohne Sherpas und auch ohne Zugabe von künstlichen Flaschen-Sauerstoff. Die gesamte Strecke vom höchsten je erreichten Punkt mit dem Rad, sollte auch mit dem Rad wieder zurück ins Basislager und weiter zum Fuss des Berges fahrend bewältigt werden. Die Expedition sollte ein Motto tragen: „Gemeinsam gegen globale Erwärmung“.

Und abermals sollten wir zu dritt starten, diesmal wieder mit einem Freund und Arzt als Team-Mitglied, Dr. Jens Kittel.

Unser treuer Freund Dr. Jens Kittel

Zurück nach Pakistan

Am 05. Juni wurden wir bei unserer Ankunft am Flughafen in Islamabad, der Hautstadt Pakistans, von den dortigen Medien und dem „Red Bull“ Team-Südasien herzlich in Empfang genommen. Sofort wollte man unsere Meinung zur derzeitigen politischen Lage in Pakistan erfahren. Unser “Statement” dazu blieb immer gleich, denn wir sahen keinen Grund, zu diesem Zeitpunkt nicht nach Pakistan zu reisen. Natürlich hofften und wünschten wir, dass in Pakistan schnellstmöglich wieder Frieden einkehrte. Die Menschen hier stimmten mit unserer Meinung überein.

Ein Anschlag der Taliban

Gemeinsam starteten wir in einem Minibus nach China in Richtung Pakistans Norden. Unser nächstes Ziel, die Stadt Gilgit, lag circa zwei Tagesfahrten von Islamabad entfernt. Nach ca. 6 Stunden erreichten wir die kleine Ortschaft Batchram, am unteren Karakorum Highway, die Seidenstrasse. Der Verkehr kam plötzlich zum Stillstand. Wir erfuhren, dass nur 3 Stunden vor unserer Ankunft, wenige hundert Meter weiter, eine Brücke von den Taliban in die Luft gesprengt wurde.
Wir sahen nach langer Wartezeit auf unserer späteren Weiterfahrt die Überreste dieser Brücke.

Stau nach Bombenanschlag, Karakorum Highway, Pakistan

Nur noch deren Eisengerüst stand, die Fahrbahn war verschwunden. Somit mussten wir die Brücke auf einer anderen Route umfahren, um schließlich die gegenüberliegende Seite des Indus zu erreichen. Weit und breit waren glücklicherweise keine Taliban zu sehen, aber die Atmosphäre war auf einmal sehr sonderbar und kaum zu beschreiben. Es lag ein angespanntes und unsicheres Gefühl in der Luft, während wir bis in die Nacht hinein weiter fuhren. Auf einmal bekamen wir ohne Vorwarnung eine Polizeieskorte zugestellt, die uns sicher durch Besham bringen sollte. Diese Stadt ist ein strategisch wichtiger Punkt auf der Landkarte, er verbindet das Swat Tal mit dem Karakorum Highway. Im Swat-Tal fanden derzeit militärische Auseinandersetzungen mit den Taliban statt. Es gab circa eine Million Flüchtlinge und das Tal wurde vom pakistanischen Militär bombardiert. Sonderbarerweise war hier, nur circa 100 Kilometer entfernt, von diesem Drama wenig sichtbar.
Dennoch übernachteten wir mit einem drückenden Gefühl in der Magengrube aber sicher und ohne Probleme in Pattan. Am folgenden Tag ging es mit Polizeieskorte weiter bis zur Provinzgrenze von North West Frontier und
Northern Area. Überall waren die Leute freundlich und hilfsbreit zu uns. Leider verdeckten dunkle Wolken die Aussicht zum Gipfel des 8.123 m hohen Nanga Parbat, dem „Killer-Moutain“.
Wir erreichten die Stadt Gilgit wie geplant sicher am Abend des zweiten Tages.

Polizei-Eskorte auf dem Karakorum Highway, Pakistan
Die nächste Polizei-Eskorte, Pakistan

Ein Weihnachten mitten im Sommer

In Deutschland hatten viele Leute Geld für unser geplantes Hilfs-Projekt in Pakistan gespendet. Wir wollten hier unbedingt eine Schule unterstützen, da wir wussten, welche Zustände in Pakistan herrschten. Denn gute internationale Bildung für Kinder ist das beste Mittel, den Boden von Extremismus auszutrocknen. Hier in Gilgit sind wir nun auf der Suche nach der bedürftigsten Schule, um die Kinder dort zuerst zu unterstützen.

Mit der Hilfe meines Freundes, einem Pakistaner und seinen Kollegen, fanden wir den Weg zu einer Schule, der „Muslim Colony Condas Gilgit School“ der „Read Foundation“ im NW der Stadt. Ungefähr 250 Kinder der Klassen 2 bis 8 wurden hier auf engstem Raum unterrichtet. Im Raum der Klasse 4 befanden sich auf 5 x 4 Metern ca. 40 Kinder – einfach unfassbar.

Kinder in einer Schule der "Read Foundation", Gilgit, Pakistan
Katastrophale Zustände im Klassen-Zimmer einer Schule der "Read Foundation" in Gilgit
Ein Klassenzimmer neu eingerichtet, in der Schule der "Read Foundation", Gilgit, Nord Pakistan
Alle Kinder freuen sich über die Unterstützung aus Deutschland

Die Kinder saßen einen halben Meter vor der zerlöcherten Wand, welche die Tafel darstellen sollte. Beißender Geruch drang aus der Toilettentür direkt ins Klassenzimmer. Der Lehrer entfernte die Kreide auf der Wand mit einem Knäuel Zeitungspapier oder mit der Hand. Die 15 Watt Glühbirnen verstreuten ein Dämmerlicht mit dem Gefühl eines Strafgefangen-Lagers. Die Bänke und Tische der Kinder waren kurz vor dem Zusammenbrechen und spitze Nägel schauten aus den schiefen Sitzbänken hervor. Mädchen und Jungem saßen getrennt in einem Klassenzimmer. Wir sprachen mit dem Direktor, Herrn Attaullah und einigen Lehrern über die unbezahlbaren Missstände der ärmeren Bevölkerungsschichten und die vielen Probleme die es hier gab.

Die Kinder und auch die Lehrer konnten nicht verstehen, woher wir auf einmal gekommen waren. Spätestens in diesem Augenblick stellte sich bei mir ein Gefühl von drei Weihnachtsmännern ein, welche die lang ersehnten Geschenke nun endlich verteilten. Es war ein gutes Gefühl, endlich etwas Sinnvolles für so viele Kinder zu tun.

Mit dem Direktor, den Lehrern und weiteren Helfern fuhren wir hinein in die Stadt, um einzukaufen. Wir besorgten 12 neue Tafeln mit Ständer für jedes Klassenzimmer, die dazugehörigen sechs Packungen Permanent Marker, 300 Stifte, 250 Radiergummis, 250 Spitzer, diverse Lernposter und Anschauungsmaterial für Fremdsprachen von „English ins Urdu“ (Landessprache Pakistan) sowie Wörterbücher und 25 Watt Energiesparlampen für jedes Klassenzimmer der Schule. Ganz zum Schluss gab es dann noch neue Möbel für das Klassenzimmer der Klasse 6. Das alles kauften wir für lediglich 50.000 Rupie, circa 500 Euro.

Im Sägewerk und einer Zimmerei entwickelten wir völlig neue Sitzbänke mit Lehne und integriertem Tisch in der Sitzlehne. Fünf Tage später weihten wir die neuen Sachen mit allen Kindern und Lehrern der Schule ein. Die Kinder konnten Ihre Freude nun nicht mehr verbergen. Es war für sie mehr als ein großes Geschenk und für uns ein unbeschreiblicher Moment, diese vielen leuchtenden Kinderaugen zu sehen. Wir waren jedoch auch erstaunt darüber, wie einfach es eigentlich war, 250 pakistanische Kinder glücklich zu machen.

Auf dem Karakorum Highway, Nord-Pakistan
Mt. Lady Finger, 6000 m, Hunza Himalaya, Pakistan
freundlicher Beamter am Baltit Fort, Hunza, Pakistan
Das malerische Hunza Tal, Himalaya, Nord-Pakistan
pakistanisch-chinesische Grenzregion, Xinjiang, China
Chinesische Grenze auf dem Karakorum Pass, von pakistanischer Seite nach China

Am 12. Juni 2009 starteten wir unsere Weiterreise auf der Seidenstrasse nach Sost und zum höchsten Grenzpass der Welt, dem Kunjerab Pass (4.693 m) im Karakorum Himalaya. Schon hier bemerkte ich, dass in diesem Jahr viel mehr Schnee überall auf den Bergen lag, als ein Jahr zuvor. Eines stand absolut fest, sollte sich das Wetter nicht ändern, so wird es noch schwieriger werden als ein Jahr zuvor. Kaum hatten wir die Grenzen passiert,  merkten wir den gravierenden Unterschied zwischen den beiden Ländern. In jedem Land, in welchem wir bisher waren, fühlten wir uns als Gast, aber hier in China spürte man die Diktatur, wie wir sie aus der ehemaligen DDR kannten. Auf der Suche nach Drogen beschädigten die Grenzbeamten das Auto unseres Fahrers, ohne dass dieser etwas dagegen unternehmen konnte. Bei jeder kleinen Bemerkung wurden wir zurechtgewiesen, als ein Beamter mit einem Messer das innere des Auto zerschlitzte. Wir waren so froh, als wir nach einem langen Tag der Einreise in Taxkurgan den ersten Vorposten Chinas erreichten. Andy, unser chinesischer Kontaktmann, half uns bei all unseren Wünschen und Problemen sowie der Organisation von allem, was wir im Basislager brauchen würden. Das dauerte ganze drei Tage, bevor wir tatsächlich zum Basislager des Berges aufbrechen konnten. Die Sicht von Taxkurgan war sehr klar und in der Distanz konnten wir den Muztagh Ata in circa 70 Kilometer Entfernung schon sehr gut erkennen.

Die Kinder und auch die Lehrer konnten nicht verstehen, woher wir auf einmal gekommen waren. Spätestens in diesem Augenblick stellte sich bei mir ein Gefühl von drei Weihnachtsmännern ein, welche die lang ersehnten Geschenke nun endlich verteilten. Es war ein gutes Gefühl, endlich etwas Sinnvolles für so viele Kinder zu tun.

Mit dem Direktor, den Lehrern und weiteren Helfern fuhren wir hinein in die Stadt, um einzukaufen. Wir besorgten 12 neue Tafeln mit Ständer für jedes Klassenzimmer, die dazugehörigen sechs Packungen Permanent Marker, 300 Stifte, 250 Radiergummis, 250 Spitzer, diverse Lernposter und Anschauungsmaterial für Fremdsprachen von „English ins Urdu“ (Landessprache Pakistan) sowie Wörterbücher und 25 Watt Energiesparlampen für jedes Klassenzimmer der Schule. Ganz zum Schluss gab es dann noch neue Möbel für das Klassenzimmer der Klasse 6. Das alles kauften wir für lediglich 50.000 Rupie, circa 500 Euro.

Im Sägewerk und einer Zimmerei entwickelten wir völlig neue Sitzbänke mit Lehne und integriertem Tisch in der Sitzlehne. Fünf Tage später weihten wir die neuen Sachen mit allen Kindern und Lehrern der Schule ein. Die Kinder konnten Ihre Freude nun nicht mehr verbergen. Es war für sie mehr als ein großes Geschenk und für uns ein unbeschreiblicher Moment, diese vielen leuchtenden Kinderaugen zu sehen. Wir waren jedoch auch erstaunt darüber, wie einfach es eigentlich war, 250 pakistanische Kinder glücklich zu machen.

Unser chinesischer Expeditions-Organisator Andy
Uigurischer Mann in Taxkorgan, Xinjiang, China
Blick von Subax (3.684 m) auf den Muztagh Ata

Nach einigen Stunden Fahrt im Pick-Up kamen wir in Subax an, von wo aus der Marsch ins Basislager des „Muztagh Ata“ startet. Das Proviant und die Ausrüstung wurde wieder auf Kamele verladen und wir fuhren mit unseren Rädern hinauf ins Basislager. Für die 800 Höhenmeter von 3.600 Meter Höhe bis auf 4.400 m Meter Höhe brauchten wir nur wenige Stunden, doch diese waren schon ein kleiner Vorgeschmack, auf unser schwieriges Vorhaben. Wir waren sehr froh, dass uns diesmal Jens mit Rat und Tat zur Seite stand. Zusammen mit einer Schweizer Gruppe, waren wir die ersten am Berg und bezogen sofort den gleichen sicheren Platz wie im vergangen Jahr. Das Wetter war sehr schlecht. Es schneite ohne Pause und wir hatten Mühe, das Basislager in dieser weißen Pracht zu errichten. Diesmal hatten wir endlich ein großes Mannschaftszelt mit Küche und endlich genug Platz zum aufrecht Sitzen.

Anfahrt ins Basislager des Muztagh Ata, von Subax aus, Xinjiang, China
verschneites Basislager am Muztagh Ata
Basislager am Muztag Ata, Xinjiang, China

Dutzende internationale Bergsteiger aus China, Kanada, Iran, Schweiz, Frankreich, Japan und auch aus Deutschland versuchen sich Jahr für Jahr daran, den Vater der Eisberge, den „Muztagh Ata“, zu bezwingen. Der Berg ist ein 7.546 m hoher Schnee- und Eisgigant, welcher sich wie eine unwirkliche „Fata Morgana“ aus der Ebene erhebt, was ihm auch seinen unverkennbaren Namen einbrachte. In der autonomen Provinz Xinjian, im äußersten Westen von China, ist er gemeinsam mit dem „Kongur Tagh“ die mächtigste und höchste Erhebung. Er ist genau genommen ein Kulminationspunkt zwischen drei Gebirgen, dem Kunlun, Pamir und Karakorum.

Dem Himmel entgegen

Nachdem wir nun im Jahre 2008 reichlich Erfahrungen vor Ort sammeln konnten, waren wir jetzt hier, um mit großer Spannung den Rekord zu holen. Überall wo wir mit unseren ungewöhnlichen Rädern auftauchten, erregten wir große Aufmerksamkeit aber auch Verwunderung über solch eine verrückte Idee. Wir begannen nun damit, Stück für Stück die Hochlager einzurichten, was ohne Sherpas nicht so einfach war. Also sind wir doppelt so oft hoch und runter gestiegen, wie andere Bergsteiger an diesem Berg. Erst nachdem jedes einzelne Lager stand und fest verankert war, konnten wir die Fahrräder nachholen. Immer wieder wurden wir in den Wochen nach unserer Ankunft von Schlechtwetterphasen heimgesucht. Es schneite tagelang, also mussten auch die Hochlager immer wieder freigeschaufelt werden. Durch unser ständiges Auf- und Absteigen lernten wir in der Routenführung fast blind zu navigieren und wir erreichten eine perfekte und standhafte Akklimatisation.

Camp 1, 5.600 m, Muztagh Ata
Lager 2 am Muztagh Ata auf 6.200 m Höhe

Unsere Hochlager befanden sich  auf 5.400 Meter (Lager 1) sowie 6.170 Meter (Lager 2) und 6.800 Meter (Lager 3). Der schwerste Part war, die 13 Kilogramm schweren Räder durch den tiefen Schnee in der dünnen Luft auf dem Rücken zu tragen. Irgendwann  schafften wir es, die Fahrräder im Lager 2 zu deponieren und ernteten dafür Anerkennung bei so manchem Bergsteiger, welcher verwundert unseren beschwerlichen Weg kreuzte. Zwischen unserem periodischen Höhentraining saßen wir alle gemütlich im Gemeinschaftszelt, kochten und spielten Karten. Doch hatten wir auch immer vor Augen, den bestehenden Höhenrekord von 7.008 m zu brechen, also fanden wir nur schwerlich Ruhe. Dann am 03.Juli 2009, gute drei Wochen nach unserer Ankunft im Basislager, kämpften wir uns in einem Gewaltmarsch mit unseren Spezialrädern bis in das vorher errichtete Lager 3. Selbst ein Schneesturm und 20 cm Neuschnee konnten uns nicht davon abhalten, unsere treuen Gefährten in der kalten Unwirklichkeit, auf 6.860 Metern, zurückzulassen.

Nun war der Weg für einen neuen Rekord geebnet, da jener vom Jahr 2000 bestehende Rekord sich nur wenige Meter über Lager 3 befand. Bevor wir jedoch noch einmal unsere ganzen Kräfte zu einem letzten Vorstoß bündeln wollten, tankten wir wichtige Kraft im Basislager. Nun waren wir ganz auf uns allein gestellt, da Jens unser Freund und Arzt nur bis zum Lager 2 mitkommen wollte und andere Expeditionen bereits erfolglos abgereist oder noch nicht in diese Höhen vorgedrungen waren. Wir lernten, dass der „Muztagh Ata“ sogar geringere Gipfel Chancen als der 8.123 Meter hohe „Cho Oyu“ in Nepal hat, was in seiner Topografie begründet liegt. Aber genau diese macht das Radfahren erst möglich, da der Berg auf der einen Seite wie eine mittelsteile Rampe aussieht und auf der anderen Seite an der Westflanke ist es eine 3.000 Meter tiefe Wandflucht.

Nervös warteten wir auf den Tag der Entscheidung, welcher schon so viele Jahre in meinem Kopf herum geisterte. Nachdem wir 6 Mal im Lager 1 (5.450 m), 4 Mal im Lager 2 (6.170 m) und 3 Mal im Lager 3 (6.860 m) anwesend waren, also weit mehr als jede andere Expedition am Berg, erreichten wir im knietiefen Neuschnee das letzte Lager. Das Spuren im Schnee war unser größter Feind, da wir seit dem Lager 1 nur noch zu zweit auf dieser Route unterwegs waren. Somit konnten wir uns nur zu zweit bei der kräftezehrenden Arbeit immer wieder abwechseln. Im Lager 3 angekommen, lagen wir nun zusammengerollt mit leichten Kopfschmerzen in unseren Schlafsäcken aber voller Erwartungen auf das, was uns morgen erwarten sollte. Wir hofften, dass es endlich aufhörte zu schneien.

tief verschneites Camp 3 auf 6.800 Meter am Muztagh Ata, China

Der Gipfelsturm

Früh um 3:00 Uhr schauten wir aus dem Zelt und noch immer war alles zugezogen. Doch dann, wie bestellt, spielte auch das Wetter mit und es lag nur noch an uns, dieses verrückte Vorhaben in die Tat umzusetzen. Kaum hatten wir die Räder mit Hilfe der Spezial-Tragegestelle auf unseren Rücken verstaut, stampften wir am 10.07.2009, um 5:30 Uhr in den minus 32 Grad Celsius kalten Morgen. Der Schnee der letzten Tage verlangsamte unseren Tatendrang und dennoch ließen wir uns nicht unterkriegen. Im Kopf reifte der Gedanke, etwas ganz Großes zu vollbringen, also wechselten wir uns wie programmierte Maschinen beim Spuren ab. So rangen wir dem Berg einen Höhenmeter nach dem anderen ab.

Dem Himmel entgegen, über 7.000 Meter auf dem Muztagh Ata
-32 Grad Celcius auf über 7.000 Meter, Muztagh Ata
Gipfelsturm am Muztagh Ata 7.546 m
Blick zum 7.546 m hohen Gipfel des Muztagh Ata

Nach wenigen Stunden hatten wir die alte Rekordmarke von 7.008 Meter erreicht und stiegen unaufhaltsam weiter, um vielleicht sogar den Gipfel zu erreichen. Doch umso höher wir kamen, umso schwerer wurde das Vorankommen mit dem 18 Kilogramm schweren Gewichten auf unseren Rücken. Auch der Sauerstoff-Partialdruck nahm immer weiter ab. Wir hatten jetzt nur noch 28% vom Druck auf Meeres-Level und das machte sich bemerkbar.

Ein neuer Guinness-Weltrekord

Höchster je erreichter Ort eines Radfahrers auf 7.211 Meter, anerkannt durch das Guinness Komitee, Muztagh Ata, China

Auf einer unglaublichen Höhe von „7.211 m“ blieben alle GPS und Höhenmesser stehen. Wir klatschten völlig ausgepumpt in die Hände, denn dies ist die neue magische Guinness Weltrekord Marke, welche wir mit den „höchsten Fahrrädern der Welt“ erreicht hatten. Der Weltrekord ging nun an Deutschland. Mit einer Fahne, auf welcher unsere Botschaft eines gemeinsamen Kampfes gegen globale Erwärmung geschrieben stand, gab es ein Erinnerungsfoto. Die Abfahrt auf den endlosen Schnee- und Eisflächen des „Muztagh Ata“ war wie ein Rausch. Wir mussten vorsichtig sein, bei diesem Adreanlin-Schub nicht abzustürzen. Wir mussten auch noch das 3 Hochlager abbauen und auch gleich die gesamte Ausrüstung mitnehmen. Keiner wollte ein weiteres Mal nach oben. Im Lager 2 versorgte uns Jens sofort mit ärztlicher Unterstützung und heißem Tee. Wir waren leicht schneeblind durch das ständige Absetzten der Gletscherbrillen und stark erschöpft. Er behandelte unsere Augen mit Tropfen und kümmerte sich liebenswürdig um uns.

Abfahrt durch den Tiefschnee mit den dicksten Radreifen der Welt, Muztagh Ata, China
Sturz in den Schnee, Dow Hill am Muztag Ata, China
Mit 30 Kilogram Gepäck durch den Eisfall am Muztagh Ata auf circa 6.300 Meter
Schnelle Abfahrt von Camp 1 ins Basislager, Muztagh Ata
Das Basislager in Sicht weit unterhalb von Camp 1, Muztagh Ata, China
Wieder im Basislager mit dem 7.211 Meter Rekord in der Tasche

Wir fuhren mit unseren Monster-Bikes ganze 95 % der gesamten Aufstiegsroute wieder bergab. Nur im Eisfall war es aufgrund von 50 Meter tiefen Spalten und dem 30 Kilogramm-Gepäck auf dem Rücken nicht möglich zu fahren. Ein weiteres Problem stellte die fehlende Luft in den Reifen dar, da wir beim Aufstieg wegen der Druckänderung eine Menge Luft ablassen mussten. Wir hatten nicht daran gedacht, die Luftpumpe mitzunehmen, um den Druck bei der Abfahrt wieder auszugleichen. Ich fühlte mich, als würde ich auf einem Flammenross vom Himmel wieder zur Erde herabsteigen. Kurz danach wurde ich aus meiner Vision gerissen, als ich samt dem Gepäck und der teuren Kamera-Ausrüstung bei einem Sturz in die Felsen geschleudert wurde. Zum Glück hatte ich mir nichts gebrochen. Ebenso erging es Gil mit vielen Stürzen. Am Ende unserer Kräfte aber wohl behalten im Base Camp angekommen, durchflutete uns eine innere Zufriedenheit, in der wir uns sicher noch lange baden würden. Wir hatten es geschafft und waren nun die höchsten Fahrrad fahrenden Menschen der Welt.

Ausblick nach erfolgreicher Expedition auf den Berg, nahe Subax, Xinjiang, China

Der Rekord war eine Gewissheit, welche viel Aufopferung und Schmerzen mit sich gebracht hatte, aber wieder einmal zeigte, wozu Menschen in der Lage sind.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.