West Papua 2 – Ein Grenzgang zwischen Erfolg und Niederlage Neuguinea 2005

Ein Grenzgang zwischen Erfolg und Niederlage

Da eine Besteigung des höchsten Berges von Ozeanien im Jahr 2002 unmöglich war, wollten wir diese schwierige Unternehmung nochmals in Angriff nehmen. Puncak Jaya (gesprochen Puntschak Tschaja) ist der einheimische Name der legendären Carstensz Pyramide (4.484 Meter), des höchsten Berges von Ozeanien.

Dieses eisbedeckte Bergmassiv mitten in den Tropen gehört zu den sieben Summit´s, den höchsten Bergen der sieben Kontinente. Benannt wurde der Berg nach dem europäischen Entdecker Jan Carstensz, der 1623 an der Südküste Neuguineas mit den beiden Schiffen „Pera“ und „Arnheim“ entlang segelte. Damals bei guten Sichtverhältnissen war es ihm möglich, bis tief in das Innere dieser undurchdringlichen zweitgrößten Insel der Welt zu blicken und den imposanten Gebirgszug zu entdecken.

Anfänglich hielt man diese Entdeckung für nicht wahr und es dauerte ganze 300 Jahre, bis eine englische Expedition in das Zentralland von Irian Jaya vordrang und bestätigte, was Carstensz entdeckte. Während unserer letzten Neuguinea Expedition konnten wir nur den vierthöchsten Berg der Insel erreichen. Die mächtige Trikorapyramide, mit 4.730 Meter Höhe, war eine sehr schwierige Herausforderung. Durch unsere Erfahrungen allerdings hofften wir diesmal die bekannte Carstensz Pyramide erfolgreich zu erklimmen.

Unsere „Expedition West Papua 2005“ führte uns wieder tief in das Landesinnere von West-Papua, der indonesischen Inselhälfte von Neuguinea. Mit 773.000 Quadratkilometern ist sie nach Grönland die zweitgrößte Insel auf unserem Planeten. Mehr als 60 % der riesigen Insel sind mit üppigem tropischen Regenwald und gewaltigen Gebirgszügen überzogen und deshalb besonders schwer zugänglich.

Medizin für ein Buschkrankenhaus

Yayasan Buschkrankenhaus, Wamena, West-Neuguinea

Am 14. April 2005 wurden wir vom Kindergarten „Knirpsenland“ in unserer Heimatstadt verabschiedet. Uns wurde das Glücksschwein „Blinky“ mit einer Spende in Höhe von 321,46 EURO mit auf die Reise gegeben. Die Kinder, Eltern und Erzieher hatten für unser Krankenhausprojekt: „Medizinische Hilfe für West Papua“ eine ganze Woche lang durch verschiedene Aktionen, wie Trödel- und Pizzabasar, gesammelt. Weiteres Geld kam durch Spenden auf unseren Vorträgen zusammen.

Über 100 Kilogramm Medikamente hatten wir bei unserer Anreise auch noch im Gepäck. Dieses wurde erst einmal von den Behörden in Bali bei der Einreise in Indonesien konfisziert. Nur durch meine Kontakte zum Zoll, konnten wir das Spenden-Cargo für 500 Euro Schmiergeld wieder bekommen. Was für eine Korruption. In Wamena angekommen, übergaben wir die gesamten Spenden im leeren „Yayasan Krankenhaus“ und sofort konnten die Behandlungen wieder beginnen. Für weiteres Geld kauften wir eine örtliche indonesische Apotheke leer, um den Ureinwohnern noch mehr zu helfen.

Die zweite Hilfslieferung von ca. 150 Kilogramm überbrachte ich bei einer dritten Tour nach West-Neuguinea im Jahr 2006. Diesmal kaufte ich die Medikamente von weiteren deutschen Spendengeldern direkt in Apotheken in Indonesien ein. Bei diesem Transport nach Neuguinea gab es keinerlei Probleme mit Schmiergeldern. Erneut waren die Menschen sehr glücklich und sehr dankbar. Aus verschiedenen organisatorischen Gründen und unüberwindbaren Hürden vor Ort, mussten wir das Projekt im Jahr 2006 leider aufgeben.

Alle Spendengelder wurden nur in Form von medizinischen Zubehör zu einhundert Prozent an die Ureinwohner ausgeliefert.

Spenden aus Deutschland im Yayasan Krankenhaus
Spenden-Einkauf in der Apotheke für das Yayasan Krankenhaus
Die ersten Patienten kommen wieder ins Krankenhaus

Alte verwahrloste Freunde

Nach unserer Ankunft auf dem kleinen Flughafen von Wamena dauerte es keine zwei Minuten, bis vor uns ein absolut verwildertes, aber sehr bekanntes Gesicht auftauchte. Wir erkannten Pramuka unseren treuen Träger kaum wieder. Wenig später, als sich die Nachricht unserer Ankunft wie ein Lauffeuer herum gesprochen hatte, stoppte eine Fahrradrikscha vor unserem Hotel und ein zugewachsener, verwahrloster Papua stieg aus. Das war Jonas, unser alter Führer und Freund, welcher uns im Jahr 2002 durch dick und dünn begleitet hatte. Er sagte uns, er habe Hunger und schon seit Monaten keine Arbeit mehr. Da kamen wir ja gerade zur richtigen Zeit. Es gab viel zu tun und er willigte ein, uns ein weiteres Mal zur Seite zu stehen. Die Stadt Wamena war größer geworden und auch die Preise für die Unterkünfte hatten sich erhöht. Im Laufe der nächsten Stunden trafen wir auf viele altbekannte Gesichter. Wir brachten Jonas und Pramuka erst einmal zum Friseur, wo man aus ihnen wieder anschauliche Männer machte.

Fast 40 Kilometer von Wamena entfernt besuchten wir zuerst das Dorf Pomo. Die schwere Zugänglichkeit des Dorfes war sicher ein Grund dafür, dass in den letzten fünf Jahren keine Ausländer hier zu Besuch waren. Schon die abenteuerliche Überquerung des Baliem in einem kleinen Einbaum war ein Abenteuer. Umso freundlicher wurden wir begrüßt und in das Dorf eingeladen. Wir erfuhren, dass dieses Dorf einen ganz besonderen „Schatz“ hütet, denn hier befindet sich die älteste Menschen-Mumie von ganz West-Neuguinea. Nach Überlieferungen war der mumifizierte Mann der erste Mensch im Baliemtal. Nach seinem Tode wurde auch dieser Körper für mehrere Wochen über dem Feuer geräuchert. Auf diese Art und Weise wollte ihn sein Stamm für Jahrhunderte konservieren und für die Nachkommen erhalten. Ein wahrlicher Gegensatz zur lebendigen Steinzeit hier, war die indonesische Moderne in der Stadt Wamena.

Auch im Dorf Jiwika konnten wir eine Mumie anschauen. Uns wurde erzählt, dass sie in geheimen Zeremonien um Rat befragt wird, gerade dann, wenn es Streit innerhalb der Dorfgemeinschaft oder mit anderen Stammesgebieten gab.

Kurulu Häuptlings-Mumie, Jiwika, Baliemtal
Mumien werden bei Zeremonien um Rat gefragt, Jiwika, Baliemtal

Auch erfuhren wir hier, dass es in Neuguinea über 400 verschiedene Sprachen gibt. Wegen der schwierigen Verständigung untereinander war das Risiko von kriegerischen Auseinandersetzungen besonders hoch. Zu leicht konnte es zu Missverständnissen kommen. Deshalb gab es für jedes Dorf eigene Pfade durch den Wald, damit sich verschiedene Stammesangehörige nicht begegneten. Auch gab es den Raub von Frauen und Schweinen unter den verschiedenen Stämmen. Das löste tödlichen Fehden und erbitterte Kriege untereinander aus.

Mit Lehm eingerieben zum Schutz gegen böse Geister
Verstümmelte Hände, für Traueropfer bei Begräbnis, Baliemtal
Häuptling mit verstümmelten Händen für Trauer-Opfer, Baliemtal

Papua Frauen komplett mit Lehm beschmiert waren. Jonas erklärte uns, dass dies zum Schutz gegen böse Geister sei und die Menschen für Geister unsichtbar macht. Manche Männer hatten nur noch Stummel an den Händen, außer den Daumen, welche zum Zugreifen gebraucht werden. Wir erfuhren von den sogenannten Traueropfern. Bei jedem verstorbenen Familienangehörigen wird bei der Bestattung ein Finger von der Hand abgetrennt und geopfert. Dieser wird aus Respekt dem Verstorbenen auf seine Reise mitgegeben. Wir sahen manche Papuas, die nur noch zwei Daumen hatten, sonst waren alle Finger verschwunden.

Eine Salz-Quelle im Regenwald

Ein weiterer Höhepunkt unseres Aufenthaltes war der Besuch der bekannten und von allen Einheimischen geliebten „Salzquelle Illuwe“. Auf unserem Weg zur Quelle kamen wir durch das Dorf Hanimauki, wo wir das große Glück hatten, ein Fest der Danis mitzuerleben. Alle hatten sich festlich bemalt und geschmückt. Der Häuptling „Yali“ konnte sich sogar noch an unseren letzten Besuch im Jahr 2002 erinnern, so dass dieses Wiedersehen große Freude bei allen auslöste. Kurzerhand entschloss er sich, uns drei Frauen aus diesem Dorf mitzugeben, damit sie uns die Herstellung von Salz demonstrieren konnten.

Versteckt im Regenwald, auf über 2.000 Meter Höhe, zeigten uns dann die freundlichen Dani-Frauen die traditionelle Salzgewinnung aus der Quelle mit Hilfe von Pflanzenfasern. Die Bananenfasern wurden immer und immer wieder wie Handtücher im Wasser der Quelle eingeweicht und ausgewrungen. Später wurden die von Salz durchdrungenen Fasern getrocknet und im Feuer verbrannt. Danach fragte ich mich, wo das Salz geblieben war. Die Frauen erzählten uns auf indonesisch, was wir gut genug verstanden, dass die Asche mit dem Salz einfach im Essen landet und mit gegessen wird.

Danifrau bei Salzgewinnung, Salzquelle Iluwe, Baliemtal
Bananen-Fasern für Salzgewinnung, Iluwe Quelle, Baliemtal
Salz Herstellung mit Bananenfasern, Iluwe Quelle, Baliemtal
Faserpackete wurden verschnürt, Iluwe Quelle, Neuguinea

Zu Fuss von Wamena bis zur Carstensz Pyramide

Nach unserer Arbeit im Yayasan Krankenhaus und einer Tour im Baliemtal widmeten wir uns den eigentlichen Zielen der Expedition. Unser Plan war es, von Wamena aus circa 300 Kilometer zu Fuß bis zur Carstenzs Pyramide zu laufen. Danach sollte endlich die Besteigung des Berges folgen. Auf der gleichen Route sollte es zu Fuss dann wieder retour nach Wamena gehen. Das Vorhaben sollte ungefähr sechs Wochen in Anspruch nehmen. Schnell hatten wir mit Jonas ein 11 Mann starkes Team organisiert, welches uns auf der gesamten Expedition begleiten sollte. Auf Heinrich Harrers Spuren wollten wir nun sehr weit und tief in das undurchdringliche Bergland des Jayawijayagebirges vordringen und die gesamte Zivilisation komplett hinter uns lassen.

Wir kauften in Wamena viel Reis und 30 Liter Benzin für unseren Generator, um unterwegs Strom zu produzieren – sehr wichtig, um damit unsere Kamera-Akkus aufladen zu können. Hunderte Nudelsuppen, Tabak für unsere Träger, Süßigkeiten  und weitere Nahrungsmittel landeten in unseren wasserdichten Fässern als Proviant. Da unsere Träger keine ordentlichen Schuhe besaßen, kauften wir auch noch für die ganze Meute Gummistiefel ein. Ein riesiger 4×4 Pick-Up sollte uns in das sechs Stunden Fahrt entfernte „Tiom“ bringen, dem Ausgangspunkt unseres Fußmarsches nach „Ilaga“ und weiter zum Berg. Die Pfade waren extrem verschlammt und kaum befahrbar. Immer wieder mussten wir den Jeep aus tiefen Fahrrinnen befreien. Auch die Holzbrücken bogen sich bedenklich, als der schwere Jeep darüber fuhr. Unser Team war gut gelaunt und alle sangen als wir unterwegs waren.

Versteckt im Regenwald, auf über 2.000 Meter Höhe, zeigten uns dann die freundlichen Dani-Frauen die traditionelle Salzgewinnung aus der Quelle mit Hilfe von Pflanzenfasern. Die Bananenfasern wurden immer und immer wieder wie Handtücher im Wasser der Quelle eingeweicht und ausgewrungen. Später wurden die von Salz durchdrungenen Fasern getrocknet und im Feuer verbrannt. Danach fragte ich mich, wo das Salz geblieben war. Die Frauen erzählten uns auf indonesisch, was wir gut genug verstanden, dass die Asche mit dem Salz einfach im Essen landet und mit gegessen wird.

Mit dem Pick-Up ins Flachland des Mamberamo-Beckens
Pick-Up auf entlegenen Pfaden zum Startpunk der Carstenzs Expedition
Schneller Start zu Fuss in Tiom, Jayawijaya Gebirge
Besprechung der Route zu Fuss von Wamena nach Ilaga

Tiom ist am äußersten Ende des Baliemtales gelegen, ab hier ging es nur noch zu Fuss weiter. Da sich hier jedoch ein indonesischer Armeekontrollposten befand, mussten wir äußerst vorsichtig sein, um nicht entdeckt zu werden. Wir hatten keine offizielle Genehmigung, in diese Region von Neuguinea zu laufen, da es einfach keine gab. Einige Kilometer weiter betraten wir wieder das Territorium der OPM, der Freiheitskämpfer von Westpapua. Wir hatten schon einmal Bekanntschaft mit diesen primitiv bewaffneten, aber dennoch gefürchteten Krieger des Hochlandes gemacht. Wir machten uns Gedanken um unsere Sicherheit, aber wir hatten unser Team dabei. Auf unserer Strecke lag die kleine Siedlung Piawagi, der Ort, in welchen uns die Freiheitskämpfer damals verschleppen wollten. Allerdings brauchten wir diesmal keine Angst zu haben, da es diesmal kein Problem gab.

Noch vor Piawagi steuerten wir ein weiteres Tal mit einem dichten Regenwaldgürtel an. Vor uns lag ein kleineres Seitental mit dem oberen Baliemfluss, welcher in einem gigantischen Strudel einfach im Berg verschwand. Eine französische Expedition untersuchte das riesige Höhlensystem des Baliem einige Jahre vor uns und konnte kein Ende finden. So etwas sah man nicht oft, ein ganzer Fluss, welcher einfach wie in einem Waschbecken abfloss.

Kinder im Dorf Piawagi, Jayawijaya-Gebirge

Im Dorf Piawagi wurden wir herzlich empfangen. Ich konnte sogar noch einem verletzten und kranken Ureinwohner mit unserer gut ausgerüsteten Expeditions-Apotheke helfen. Dafür bedankten sich die Menschen und wir gingen am Nachmittag mit den Dorfbewohner auf die Jagd. Am Fluss fingen wir viele Flusskrebse, nur mit einem Wurm an einem Grashalm. Danach wurde ein Erdofen gebaut und vielerlei Gemüse, Süßkartoffeln und die Krebse wurden darin stundenlang gegart. Das ganze Dorf saß mit uns in gemeinsamer Runde und wir genossen die Leckereien. Der Abschied vom Dorf fiel uns schwer, da sie Menschen so herzlich waren.

Vom Urwald verschluckt

Die nächsten Tage waren für alle extrem anstrengend, da wir durch endlose Sümpfe und Moore wateten. Immer wieder versanken wir fast bis zur Hüfte im Morast. Selbst Jonas hatte in diesem unüberschaubaren Gebiet große Mühe mit der Orientierung. Trockene Schlafplätze fanden wir nur dort, wo es einen Hügel mitten im Moor gab. Aus dem Flugzeug sah diese Märchenlandschaft so wunderbar aus, doch jetzt mittendrin hatten wir eine andere Meinung. Als wir das nächste Stammesgebiet am Ende der langen Hochebene erreicht hatten, traten wir in einem kleinen Dörfchen einem weiteren OPM Führer gegenüber. Auch hier bekamen wir problemlos die Erlaubnis zum Weiterlaufen. Vor uns lag nun ein knapp 4.000 Meter hoher Gebirgspass.

fantastische Landschaften unterwegs
Blütenpracht in Hochland, Neuguinea
Myrmecodien mit Ameisen innerhalb der Pflanze , Myrmecodia brassii, Hochland, West-Neuguinea

Unser Führer Jonas berichtete uns, dass weit hinter dem Pass die Stadt Ilaga liegt, der Ausgangspunkt zur Carstensz Pyramide. Wir kämpften uns die steilen und schmierigen Pfade empor. Manchmal wurden wir von einem triefnassen Mooswald verschluckt, aus welchem wir später wieder heraus krochen. Die Sicht auf die umliegende, mächtige Bergwelt war grandios. Auf dichten Moosmatten wankten wir von einem Tümpel zum nächsten, an dessen Ufern manchmal ganze Orchideenwiesen in voller Blüte standen. Fast etagenförmig zogen sich kleinere Ebenen die Bergwelt hinauf. Bald schon betrachteten wir die Landschaft unter uns.

Der Höhenmesser zeigte mittlerweile 3.500 Meter an und schlagartig erreichten wir eine Vegetationsgrenze. Wir fühlten uns, als würden wir in der Zeit um 150 Millionen Jahre zurück versetzt. Wo das Auge hinblickte wirkte die Landschaft mit ihren unzähligen über 10 Meter hohen Baumfarnen surreal.

Als wir die Passhöhe endlich erreichten, waren die dicken Wolken ganz nah und es fing an, wie aus Eimern zu schütten. Unsere Träger waren noch immer nur mit kurzen Hosen und T-Shirts bekleidet, bei gerade mal 5 Grad Celsius. Die Situation geriet aus den Fugen. Schnell mahnten wir zum Weiterlaufen, um warm zu bleiben. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit versuchten wir alle unser Lager weiter unten zu errichten. Das gesamte Trägerteam war aber nach einem eiskalten Wolkenbruch so ausgekühlt, dass keiner auch nur einen Finger rührte. Alle Träger standen nur apathisch im stechend kalten Wetter und starrten vor sich hin, als wäre es ihre letzte Minute. Wir mussten sie regelrecht anschreien, um sie wieder in Gang zu setzen und endlich ein Lager aufzubauen. Nach einer weiteren Stunde standen zum Glück alle um ein kleines wärmendes Feuer herum.

Wir wussten, dass wir nicht direkt in die kleine Stadt Ilaga absteigen konnten, da wir dort vielleicht von den indonesischen Behörden verhaftet würden. Obwohl kein Weg existierte, mussten wir einen großen Bogen um die Stadt machen. Das Unterholz war hier so dicht gewachsen, dass man sich schon auf den ersten hundert Metern verlaufen konnte. Wir trafen dennoch die Entscheidung, stolpernd und krauchend weiter zu laufen. Kurz vor Ilaga stoppten wir und Jonas wollte bei einem Verwandten die Lage im Dorf auskundschaften. Erst am nächsten Morgen kam er nach stundenlangen Aufstieg mit einer schockieren Nachricht wieder oben bei uns an.

Bis ans Ende der Welt und wieder gescheitert

Direkt oben an der Carstenzs Pyramide sollte sich ein neuer Militärkontrollposten befinden, welcher die gesamte Region am und um den Berg herum abriegelte. Dies hat auch mit der Gold- und Kupfermiene der amerikanischen „Minengesellschaft Freeport“ zu tun, welche die Region ausbeutet und vom indonesischen Militär geschützt wird. Dort oben würde auf alles geschossen, was sich dort bewegt, erklärte uns Jonas. Auch wußten wir, dass vor nicht allzu langer Zeit drei Schweizer Bergsteiger am Berg erschossen wurden. Schweren Herzens brachen wir die „Carstensz Expedition 2005“ aus Sicherheitsgründen ab. Den Berg sahen wir zum Greifen nah vor uns und konnten das alles nicht glauben.

Endstation in Ilaga, Hochland

Wir stiegen alle nach Ilaga ab und versuchten, bei den örtlichen Behörden die Genehmigungen zu bekommen, doch das war unmöglich. Im Gegenteil, wir wurden dort sofort festgesetzt und für uns wurde ein Flugzeug geordert, um uns aus der Sperrzone zu fliegen. Die Polizei konnte gar nicht glauben, dass wir zu Fuss von Wamena kamen. Zu allem Übel kamen auch noch bedenkliche Zahnschmerzen bei einem unserer Träger hinzu. Kurzerhand entschloss er sich zu einem Aderlass. Mit einem alten Rasierklingensplitter wurden der Reihe nach alle Adern aufgestochen und er blutete tapfer wie auf einem Schlachtplatz. Und tatsächlich, durch den sinkenden Blutdruck ließen seine Schmerzen nach. Ein kleiner Trost war, dass wir alle wohlbehalten waren und hier in Ilaga auf einen Ureinwohner trafen, der uns eine Feuersäge demonstrierte. Die indonesischen Behörden entschieden, dass wir allein ohne unser Team nach Ilaga geflogen werden sollen. Unser Team sollte zu Fuss zurück laufen. Ein paar Tage später landeten wir an der Küste in Nabire und alles war vorbei. Über die Insel Biak, wo wir eine Woche verweilten, flogen wir wieder zurück nach Wamena und warteten dort auf unser Team.

Herstellung einer traditionellen Feuersäge, Ilaga
Reiben auf Holz für Hitze-Entwicklung, Ilaga
Mit glimmenden Zunder ein richtiges Feuer entfachen, Ilaga
schwarzer Strand in Nabire, West Papua

Zurück in Wamena und ein neuer Plan

Es war für uns ein 2000 Kilometer weiter und ein zehn Tage langer Umweg, wieder nach Wamena zu gelangen. Erst einige Tage später traf auch unser Team wieder in Wamena ein. Wir hatten inzwischen schon eine neue Idee ausgeheckt. Wir wollten zu Fuss durch das Mamberamo Becken bis nach Jayapura laufen. Da uns die Zeit im Nacken saß, begannen wir sofort mit der Planung und Organisation unserer Tiefland-Expedition, in eines der letzten noch kaum erforschten Gebiete der Erde, in die Mamberamo-Flußregion. Wir schauten auf unsere topografischen Karten und es war nichts zu sehen, außer weiße Flecken. Hier sollte es wirklich noch Kannibalismus und Kopfjägerei geben.

Mit unserem Pick-Up zum Startpunkt der Flachland-Expedition in Elelim
Start zu Fuss nach Jayapura in Elelim, Trans Irian Highway
Kakadu, Flachland-Regenwald, West Papua
Kasuar im Flachland-Regenwald, Neuguinea

Mit unserem alten 4×4 Jeep, sechs Trägern und Jonas ging es über haarsträubende Abschnitte vom „Passvalley“ steil hinunter ins heiße Flachland bis nach Elilim. Die kleine Siedlung mit 15 Häusern war die letzte Bastion vor der endlosen Wildnis. Wir hatten einen ortskundigen Träger im Team und fragten nach einem weiteren lokalen Führer hier in Elilim. Doch kein einziger Papua erklärte sich bereit mitzukommen. Es hieß, die Gegend sei verflucht und es gäbe Kopfjäger da draußen. So verließen wir den Ort allein auf dem alten Trans-Irian-Highway, der komplett vom Wald verschlungen war. Diese Straße war 1998 nur einen Tag geöffnet, nur ein Auto schaffte die Fahrt hinauf nach Wamena, bevor sich der Dschungel die Straße zurück holte.

Eine Warnung auf dem Wege

Dutzende kleine und große verrottete Holzbrücken mussten wir immer wieder überqueren. Und schon passierte es. Ich lief als letzter in der Gruppe mit meinem schweren Rucksack über eine von Laub überdeckte Brücke und brach urplötzlich durch das morsche Holz. Vier Meter tiefer landete ich neben einem Felsblock. Als ich wieder zu mir kam, waren alle anderen schon weg und ich musste unter großen Schmerzen und mit letzter Kraft allein aus der Grube klettern. Da hatte ich wirklich  riesiges Glück, dass mir nichts Schlimmeres als schwere Prellungen widerfahren waren. Irgendwie war es eine Warnung und eine Intuition, bloß nicht weiter zu laufen. Das ging natürlich nicht, also lief ich weiter.

Jeden Morgen um 6 Uhr begann das gleiche Schauspiel. Tausende Regenwaldbienen fielen über uns her und begehrten den salzigen Schweiß auf der Haut. Viele Stiche erinnerten uns in der erholsamen Nacht noch an den vergangenen Tag. Selbst unsere Träger drehten fast durch und nahmen so oft wie nur möglich ein erfrischendes Bad im Fluss. Nur einer unserer Träger konnte damit ohne Probleme umgehen, da er hier geboren war. Den ganzen Tag schlugen wir uns mit der Machete schwitzend durch den Wald. Er kam mir vor wie ein Feind. Jetzt konnte ich verstehen, warum manche Menschen im Regenwald verschwanden oder starben. Ein ohrenbetäubender Lärm von Zikaden hallte uns den ganzen Tag im Ohr, es war nur schwerlich auszuhalten.

Einige Tage später tauchte auf einmal mitten im Regenwald ein weiterer Papua auf. Es war der protestantische Priester aus Elelim, er hatte Angst, uns allein gehen zu lassen. Er wußte um die Gefahren in diesem Gebiet, also kam er mit uns. Die vor uns liegenden Flüsse wurden immer größer und merklich schwieriger zu überqueren. In den letzten Nächten hatte es immer wieder geregnet und der Wasserspiegel war dabei stark angestiegen. Manche Flüsse hier konnten innerhalb von wenigen Stunden mehrere Meter im Wasserstand variieren. Über keinen Fluss gab es mehr eine Brücke. Unser Team fällte riesige Bäume, um über den nächsten reißenden Fluss zu gelangen. Manche tonnenschweren Bäume wurde einfach wie Streichhölzer von der Strömung weg gerissen und zerbrachen.

Fluss-Durchquerung im Maberamo Becken

Eine Riesenschlange zu Abendessen

Unser Pfarrer „Mauhtuan“ war schon eine ganze Weile im Wald verschwunden, als immer wieder das Wort “Ular” (Schlange) aus dem Wald hallte. Schnell stellte sich heraus, dass er mit seinem Hund auf eine 3 m lange Riesenschlange gestoßen war und sie zur Strecke brachte. Damit konnten wir unser Abendessen aufbessern, denn unsere Nahrungsmittel nahmen rasant ab. Gestärkt für den Weiterweg ging es tiefer und tiefer in das Randgebirge des Mamberamo Beckens. Wir kamen selbst mit drei Macheten nur sehr langsam voran. Vor uns lag bald ein sehr großes Hindernis, der gewaltige Yahuli Fluss.

3 Meter lange Python, gefangen von Tuan, unserem lokalen Führer aus Elelim
Zubereitung eine Riesenschlange, Flachland im Mamberamo Becken
Die Haut der Pyton wird entfernt, das Fleischt gekocht und dann gebraten
Zubereitung von Pandanus Früchten zum Abendessen, Mamberamo Becken

Der Tod auf leisen Sohlen

Am Kilometerstein “197”, wo wir den größten und unberechenbarsten Fluss Yahuli in Richtung Mamberamo Becken überqueren mussten, befand sich ein altes, verfallenes, aber noch bewohnbares Camp. Dieses einzige verbliebene Geisterhaus diente einst den Erbauern der Straße als Schutz. Eine seltsame Atmosphäre lag über dem Ort, wir wussten, dass schon 13 Menschen hier in den reißenden Fluten ertrunken waren. Es gab einst eine Hängebrücke aus Stahlseilen, doch diese wurde zerstört, um andere Stämme aus dem Bergland vom Tiefland fern zu halten.

Die interessante Makrowelt im Regenwald
Baumschlange im Regenwald
Camp unterwegs auf dem ehemaligen Trans Irian Highway am Yahuli Fluss

Wir versuchten die Brücke mit 40 Meter langen Rattan-Lianen aus dem Wald sowie mit den alten Seilen zu reparieren, um sie später für die Überquerung des Flusses zu nutzen. Wir verboten jedem Teammitglied in das Wasser zu springen. Am Abend des 04. Juni 2005 saßen wir in der verfallenen Hütte mitten im Regenwald und die Gruppe stimmte Gesänge und Gebete an. Mauhtuan, welcher extra zu unserer Sicherheit nachgekommen war, betete viele Male für die sichere Überquerung des gefährlichen Flusses. Der Morgen graute und wir hatten in einer Nacht voller Aufregung kaum ein Auge zugetan.

Am nächsten Morgen wollten wir gesichert mit luftgefüllten Säcken und einem Seil den Fluss queren, um die Brücke fertig zu stellen. Doch auf einmal sprang Mauhtuan hinter uns einfach in den Fluss und schwamm los. Kurze Zeit später wurde er von der Strömung mitgerissen und ertrank vor unseren Augen. Das war er nun, der absolute Tiefpunkt der Expedition und wir fühlten uns schuldig. Blitzschnell versammelten wir uns und folgten Mauhtuan am Flussufer bis er von den Fluten verschluckt wurde.

Auch eine stundenlange Suchaktion blieb völlig erfolglos. ‚Was sollen wir nun machen?‘, fragten wir uns. Es bestand ein großes Risiko, dass uns die Dorfbewohner aus Elilim wegen Blutrache umbringen könnten. Deshalb liefen wir nachts rasend schnell durch Elilim und weiter zu Fuss Richtung Wamena. Am nächsten Tag konnten wir einen Transport zurück in das Baliemtal erwischen. Dort meldeten wir den Unfall sofort bei der Polizei. Anhand der vielen Zeugenaussagen und unserem Filmmaterial konnten wir die Wahrheit über Mauhtuans Tod ans Licht bringen und mussten der Familie die schreckliche Nachricht übermitteln. Es war ein absolutes Drama, wir hatten ein Menschenleben verloren, wir hatten es leider nicht verhindern können, es war so schlimm.

Noch nie zuvor war eine unserer Expeditionen so gefährlich und geprägt von Höhen und Tiefen. Am 30.06.2005 flogen wir zurück in die Heimat, mit einem Sack voller Geschichten, aber auch sehr traurigen Erinnerungen an den sinnlosen Tod eines Mannes, der uns so selbstlos geholfen hatte.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.