Der Spiegel der Vergänglichkeit Nepal 1998

Das tropischen Flachland Nepals

Am Sarda Fluss befand sich die Grenze und wir bekamen ohne Problem unseren Stempel in unseren Reisepass. Auch das Visum für Nepal gab es direct hier an der Grenze. Es war kaum zu glauben aber die Landschaft änderte sich dramatisch. Die Menschenmassen waren verschwunden, überall waren Bäume, es war herrlich grün und es roch nach Wald. Die wenigen Hütten hier und da waren Strohbedeckt und wir bemerkten das wohl Nepal um einiges ärmer war als Indien. Wir durchquerten den Bardia National Park und hofften auf eine Begegnung mit dem Tiger oder einem Nashorn. Um dies zu sehen, hätten wir uns wohl tagelang mit einem Ranger im Park auf die Lauer legen müssen.

Arbeitselefant mit Mahut im Flachland, Nepal
Im herrlich grünen Terai gibt es mehrere Nationalparks, Nepal

Wir zelteten oft direkt im Wald in der Nähe der Straße. Eines Tages zog ein tropisches Unwetter auf, Blitze zuckten und Donner halten im kurzen Abstand. Es stürmte selbst im Wald und auf einmal krachte es neben uns und ein riesiger Baum schlug direkt neben uns auf. Wieder mal hatten wir unglaubliches Glück unverletzt geblieben zu sein.

Am nächsten Tag schien die Sonne wieder und wir folgten der Topografie parallel zum Himalayas und fuhren im Flachland nach Nepalganj. Hier wurde viel Landwirschaft betrieben mit Reisanbau und Büffelzucht für Milch und Fleisch. Wir probierten trockenes Büffelfleisch, es hatte einen angenehm strengen Geschmack. Dazu gab es nepalesisches Tali mit Curry, Gewürzen, Kartoffel und Gemüse. Die meisten Nepalis waren Hindus, es gab aber auch Buddhisten oben in den Bergregionen.

Erste Aussicht auf die Himalaya-Bergkette

Hier unten fühlten wir uns wohl mit den freundlichen Einheimischen und den vielen Tieren, wie ein Garten Eden. Nach ca. 600 Kilometern in Butwal bogen wir nach Norden ab und schlagartig stieg die Straße steil an. Wir keuchten und schwitzten uns das Himalaya Vorland hinauf mit unseren stetig ca. 50 Kilogramm schweren Rädern. Die Straßen waren okay und somit erreichten wir Tansen und konnten die verschneiten Gipfel der Haupt Himalaya Kette nur erahnen. Unser nächstes Ziel war Pokhara am Dal See gelegen. Als wir hier ankamen waren wir überwältigt von der umliegenden Landschaft. Die grünen Regenwald bewachsenen Berghänge, das Wasser des Phewa-Sees wie ein Spiegel und die Himalaya Hauptkette mit dem gewaltigen Machapuchare, dem nepalesischen Matterhorn. Sogar ein Stück der Annapurna 1, ein 8000der waren zu sehen.

Ein Sadhu und seine Höhle

Als erstes stiegen wir durch den Blutegel übersäten feuchten Regenwald am See steil hinauf, auf den Bergrücken zur Welt-Friedenspagode der Biswo Shanti Stupa. Bei gutem Wetten, wir hatten das Glück, konnten wir die Himalaya Kette noch viel besser erkennen und wir wünschten uns sofort wieder den Himalaya. Wieder unten angekommen erfuhren wir von der verborgenen Devi Höhle an den Devi Wasserfällen, dem Abfluss des Sees in dem das Wasser einfach verschwand. Wir trafen einen Hinduh-Sadhu der uns bereitwillig mit einer Gaslampe in die dunkle Höhle führte. Nach einer halben Stunde erreichten wir die tosenden Devi Fälle, deren Wasser unterirdisch in die dunkle Tiefe stürzte. Ein besonderer Anblick, denn nur wir unten in der Höhle konnten die Wasserfälle in ihrer ganzen Pracht sehen.

Kathmandu

Im engen Tal des Trishuli Flusses ging es hinauf nach Kathmandu auf 1.300 Metern Höhe. In der Hauptstadt des Königreiches Nepal angekommen, quälten wir uns durch den chaotischen und engen Verkehr bis in den Stadtteil Thamel, wo wir in einem einfachen Gästehaus für 3,50 Euro pro Nacht unterkommen konnten. Hier tauchten wir ein, in den Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Überall in den Gassen und Nischen herrschte reges Treiben. Im Pashupatinath Tempel wurden wir direkt mit der Vergänglichkeit des Menschen konfrontiert, als wir an den Arya Ghats Augenzeugen von Betattungs-Zeremonien wurden. Die verstorbene Familien-Angehörige war auf einer Bambustrage in goldgelbe Brokat-Stoffe gehüllt. Von den Angehörigen wurden die Füße mit Trage-Gestell in den Bagmati Fluss getaucht und der Körper wurde mit Wasser des Gleichen bespritzt. Danach wurde die verstorbene auf einen großen Scheiterhaufen für die Verbrennung aufgebahrt.

Pashupatinath Hinduh Tempel, Kathmandu
Bestattungs-Zeremonie, Pashupatinath Tempel
Leichenverbrennung im Pashupatinath Tempel

Ein hinduistischer Priester/ Sadhu begleitete die Zeremonie und wie bei allen Bestattungen, wird eine genaue Abfolge der Rituale eingehalten. Je nach Wohlstand der Familie werden ganz einfache oder aufwendige Zeremonien sogar mit der Verbrennung von echtem Sandelholz durchgeführt. Der älteste Sohn umschreitete dann den aufgebahrten Leichnam fünf Mal im Uhrzeigersinn, laut den 5 Elementen der Erde. Danach wurde der Scheiterhaufen mit einem in Butter getauchten Strohbund am Kopf der Toten entzündet. Ein spezieller Arbeiter aus der Kaste der Unantastbaren überwachte die Verbrennung, sodass wirklich alles verbrannte. Danach wurden die Überreste in den Bagmati übergeben.

Bodnath Stupa, Kathmandu

Im Kontrast zum hinduistischen Shiva Tempel mit bunt geschmückten Sadhus und dem heiligen Opferstein Shiva Lingam, stand die buddhistische Bodnath Stupa. Weihrauch stieg auf und eine besondere Atmosphäre umgab uns hier. Täglich umrundenden hunderte Gläubige die große weise Stupa mit den zwei großen Augen, dem Wahrzeichen Kathmandus. Die Gebetsmühlen kommen nie zur Ruhe und werden von vielen Pilgern immer wieder angedreht. Feiner Wacholder- und Incense-Duft verteilt sich in der Luft und Kerzen erhellen Nischen mit Licht. Während der vielen Eindrücke fokussierte sich immer wieder ein ganz besonderes, wohl fast aussichtsloses Vorhaben.

Ein unausgegorenerer Plan

Wir wollten unbedingt auf das Dach der Welt, Tibet, aber was das bedeuten sollte konnten wir nicht in unseren kühnsten Träumen erahnen. Hier in Kathmandu gab es alles was wir brauchten, sogar einen richtigen Fahrradladen, indem wir wichtige Ersatzteile bekommen konnten. Der Besitzer, Sonam Gurung war ein bekannter Mountainbiker in Nepal und hatte wichtige Informationen über Tibet Reisen für uns. In nicht einmal fünf Minuten zerbrach fast unser Traum nach Tibet zu gelangen. Er offerierte uns, dass es zur Zeit 1998 unmöglich sei Tibet zu erreichen, da die Grenze geschlossen ist für Ausländer und Allein Reisende. Nur Gruppenreisende mit allen Permits und einen Reiseführer, welcher die Gruppe ständig begleitet, dürften nach Erteilung der Genehmigungen einreisen.

Die Planungen laufen für den Versuch nach Tibet zu gelangen, Kathmandu

Der australische Radfahrer Garry hörte aufmerksam zu und wollte sich uns anschließen. Wir wollten uns einfach nicht mit diesen Aussagen begnügen und wollten es selbst herausfinden, ob es nicht doch irgendwie möglich ist. Das daraus fast ein Abenteuer mit einem Schrecken ohne Ende wurde, konnten wir nicht ahnen. Nach einigen Tagen packten wir unsere sieben Sachen und starteten zu dritt mit Garry Richtung Tibet.

Der eiserne Vorhang zum Dachfirst der Welt

Von Kathmandu aus führte die Straße steil bergab ins Tal bis zum reißenden Sunkoshi Fluss. Von dort an ging es endlos Bergauf, in stechender Mittagshitze und auf Schotter-Piste waren die Belastungen kaum auszuhalten. Immer wieder brauchten wir Pausen.  Am nächsten Tag an der Grenze zu „China“ angekommen, bekamen wir den Ausreisestempel von Nepal in einer kleinen Holzhütte der freundlichen nepalesischen Behörden in unseren Pass. Paar Meter weiter standen die chinesischen Beamten in gepflegter Militäruniform und verzogen keine Miene. Passports, raunte es uns unfreundlich ins Gesicht. Sie begutachteten das chinesische Visum, welches wir uns schon in Delhi/ Indien organisiert hatten. Wir durften weiterfahren auf einer barbarischen Piste mit knietiefem Schlamm und einen halben Meter tiefen Spurrillen. Es ging so steil bergauf, dass wir fast die 8 Kilometer lange Strecke schieben mussten. Abends im Regen und total verdreckt stehen wir mit unseren Rädern and der eigentlichen Grenze, am Schlagbaum. Die Grenzer begutachten nur kurz unsere Pässe und verweigern uns sofort die Einreise nach Tibet.

Die Räder werden überholt für die Weiterfaht auf den Dachfirst der Welt

Wir blieben aber absolut hartnäckig und gingen einfach nicht, über eine Stunde verharrten wir and der Grenze im strömenden Regen. Solange bis ein höherer Beamter kommt und wir diskutierten in einfachem Englisch mit dem Vorgesetzten. Nach vollen zwei Stunden wurden unsere Pässe konfisziert. Erst dachten wir, wir sind verhaftet, dann aber sagte der Beamte, das wir für die Nacht rüber dürften, nur eine Nacht. Sofort nahmen wir Kontakt zur einzigen lokalen Reiseagentur an der Grenzen auf und versuchten die Einreisepapiere zu bekommen. Das kann dauern, Tage der Ungewissheit standen uns bevor, allerdings sollten wir am nächsten Morgen „China“ verlassen. Kaum wurde es hell, so diskutierte ich wieder mit dem Beamten, um einen weiteren Tag des Aufenthaltes zu erhandeln. Schlecht gelaunt über unser Verhalten gestand er uns die letzten, weitere 24 Stunden zu. Die Pässe verblieben bei Ihm. Wir hofften das unsere Permits noch rechtzeitig kommen.

Wir übernachteten in einem lehren und sehr teuerem Hotel, ohne weitere Gäste, ohne Einrichtung und schliefen auf dem nackten Teppich-Fussboden.  Am zweiten Morgen kamen die Beamten zu uns, holten uns aus dem Hotel und führten uns ab zur Grenze. Dort bekamen wir unsere Pässe wieder und man sagte uns, dass wir sofort zurück nach Kathmandu fahren müssten. Wir bestätigten das zu ihrer Zufriedenheit. Natürlich taten wir das ganze Gegenteil. Im acht Kilometer breiten Niemandsland zwischen den Grenzen, befanden sich sonderbarer Weise einige Häuser von Einheimischen Nepalis.  Dort blieben wir einfach und bezahlten Ihnen etwas für unseren ungewollten Aufenthalt. Zu allem Übel wurde Garry auch noch schwer krank und bekam hohes Fieber. Es stand komplett alles auf der Kippe.

Es verging Tag drei, dann vier und der fünfte Tag brach an. Wir beobachteten die „chinesische“ Grenze in ca. zwei Kilometer Abstand. Einmal lief ich sogar zum Grenzposten und fragte frecher Weise die Beamten ob es vielleicht eine Änderung der Situation mit 500 US Dollar Schmiergeld gab. Sie lachten nur und winkten ab. Wir schauten später aus dem kleinen Fenster der Holzhütte und weit oberhalb im Himmel konnte man manchmal einen Blick auf die Straße hinauf nach Tibet erhaschen. Garry ging es langsam etwas besser. Auf einmal hörten wir Motorengeräusche. Ein großer Jeep quälte sich hinunter in unsere Richtung. Sofort schauten wir nach, wer das war und wir trauten unseren Augen nicht. Der Chinese vom Reisebüro in Zhangmu hatte es geschafft, er hatte die nötigen Papiere, eine Allrad-Jeep mit Fahrer und Guide organisiert. Wir mussten 200 Dollar pro Person bezahlen, danach durften wir unsere Sachen sowie die Räder in den Jeep laden und in wenigen Minuten waren wir wieder an der Grenze.

Zhangmu Grenze Nepal / Tibet

Die Beamten dachten wohl sie sahen nicht recht, schon wieder „die“. Sofort kam die Aussage, das die Grenze für uns geschlossen sei. Das kann und darf doch alles nicht wahr sein, dachten wir uns. Der Guide und der Reisenbüro-Besitzer verhandelten nun mit den Beamten. Dazwischen kam ein weiterer Jeep aus Nepal an, mit einem Berg-Expeditionsteam zur Shisha Pangma Feng 8.012 m,  somit erhöhte sich der Druck auf die Beamten weiter. Kurz danach gab es ein wichtiges Telefonat vom ersten Offizier nach Lhasa (Tibets Hauptstadt) wegen uns, in die zentrale Behördenstelle. Danach verlangten die Beamten nur 12 US Dollar Gebühr von jedem von uns und es passierte ein wirkliches Wunder. Der Schlagbaum öffnete sich für uns nach endlosen und eisernen 5 Tagen Wartezeit.

Wir konnten es kaum fassen, als der Jeep mit heulendem Motor in den Himmel fuhr und im Wolkenmeer mit uns verschwand. Der Guide erzählte uns, das wir wohl die ersten seien, die es 1998 geschafft hatten, Ihre Einreise direkt an der Grenze zu organisieren. Nun konnte das wahre Abenteuer auf dem Dachfirst der Welt starten, im sagenumwobenen Tibet.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.