China – Das Reich der Mitte China 1998

Natürlich waren wir noch lange nicht von der Tibetischen Hochebene herunter. Nach Wochen standen wir erst auf dem Tanggula Pass mit 5.250 m Höhe, der Grenze von Tibet nach China, bewacht mit einem Militär-Kontrollposten. Da wir Tibet verließen, konnten wir einfach so hindurch fahren nach China, ohne das uns die Behörden stoppten. Tibet war einst viel größer und ist von den Chinesen in verschiedene Provinzen zerteilt worden. Die autonome Provinz Tibet TAR, beinhaltet im heutigen Staatsgebiet Chinas höchstens noch die Hälfte der eigentlichen Landmasse.

endlose Weiten in China

Keiner sprach Englisch

Es waren immer noch hunderte Kilometer bis wir endlich die Stadt Golmud in der Provinz Qinghai erreichten. In der ersten chinesischen Stadt konnten wir uns nun endlich satt essen, es gab chinesische Restaurants an jeder Ecke. Vor allem scharf gewürzte Speisen mit viel, Rind-, Ziegen- und Schaffleisch fanden sich auf der Speisekarte, die wir oft nicht lesen konnten. Auch war die Orientierung manchmal ein Problem. Wir versuchten so gut es ging Chinesisch zu lernen um nach dem Weg und die Preise zu fragen. In Golmud mussten wir auch unsere China-Aufenthaltsgenehmigung verlängern, was uns hier ohne Probleme gelang.

Durch die Kornkammer Chinas
Kinder hüten die Ernte auf dem Lande
gefangener Fisch mit Moskitonetz - See Quinghai Hu

Einfallsreichtum für ein Abendessen

Nun lag das Reich der Mitte vor uns. Wir wussten nicht, wie weit die Distanz wirklich sein wird, um auf dem Landweg nach Vietnam zu gelangen. Die Gegend änderte sich dramatisch, als wir Richtung Osten durch gelb blühende Rapsfeld Landschaften fuhren. Am größten Salzsee von China, dem Qinghai Hu hielten wir an einem kleinen Zufluss an. Kaum das Zelt aufgeschlagen, kam uns die Idee unsere nutzlosen Moskitonetze als Fischfangnetze einzusetzen. Sehr praktisch, die nächsten drei Tage hier gab es nur noch kostbaren Fisch zu essen, den wir mit unseren Benzin-Kochern zubereiteten. Wir folgten den Huang He Fluss nach Xining und weiter nach Lanzhou. Auf den Berggipfeln sahen wir immer öfter chinesische Pagoden, aus verschiedenen Dynastien des Kaiser-Reiches.  Ein großes Problem waren die Übernachtungen in China, denn für Ausländer ist es streng verboten, bei Einheimischen über Nacht zu bleiben. Wir wurden oft von Bauern eingeladen in verschiedensten Dörfern, fernab der großen Städte Chinas und hofften von der Polizei nicht entdeckt zu werden.

Die chinesische Geheimpolizei PSB

Knapp einen Monat später erreichten wir die Tore der Stadt Chengdu in der Provinz Sichuan. Nach einer wirklich anstrengenden 160 Kilometer Etappe fanden wir ein einfaches Gästehaus für Einheimische am Rande der Stadt. Wir bezahlten das Zimmer für ca. 60 Yuan, 7,50 Euro und damit war die Sache für uns eigentlich erledigt. Doch mitten in der Nacht um 2.00 Uhr krachte es mit Fäusten an unsere Tür und in sehr guter englischer Sprache hallte es dann: Öffnen Sie die Tür!  Aus dem Schlaf gerissen schauten wir beim Öffnen der Tür verdutzt in die Gesichter von drei zivil bekleideten chinesischen Beamten. Sofort entbrannte eine Streiterei, dass wir erst tagsüber bereitwillig in ein Touristenhotel für Ausländer wechseln, aber nicht jetzt um diese Uhrzeit. Nach ca. 30 Minuten Diskussion gingen die Beamten erst einmal kurz weg und kamen aber später mit der Verwalterin vom Gästehaus wieder, bei der wir bezahlt hatten. Die Beamten waren sehr clever, in ihrem Beisein musste die Verwalterin das von uns bezahlte Übernachtungsgeld an uns zurück geben. Es war kaum zu glauben, so hatten sie uns jetzt in der Hand.

Daraufhin drängte ich den Polizeichef um ein Versprechen, dass er uns die kommende Unterkunft für das gleiche Geld überlassen soll, welches wir hier bezahlt hatten. Wir wussten wie teuer die Unterkünfte für Touristen in China sein konnten, das konnten wir uns nicht leisten. Erst um 3:00 Uhr saßen wir auf unseren Sätteln und radelten dem Polizeiauto durch die Nacht in der Millionenstadt Chengdu hinterher. Unterwegs dachte ich mir noch, die Verwalterin hat uns wohl aus Angst bei den Behörden gemeldet, dass zwei Deutsche in Ihrem Hotel untergekommen waren.

Am nächsten Tag hatte sich das Versprechen der Beamten natürlich in Luft aufgelöst und die Rezeption forderte 25 US-Dollar pro Person. Mir platzte der Kragen und ich Rief im Polizeipräsidium der Stadt an und verlangte den Beamten aus der Nacht. Als er endlich am Telefon war, warf ich ihm vor, dass er gelogen hatte. Prompt kam die Antwort, das wir bleiben sollen, wo wir sind, wir sind verhaftet. Okay, dachte ich mir, so nicht. Sofort rief ich beim chinesischen Fernsehsender CCTV an und erklärte welches Unrecht uns hier widerfuhr. Ein Kamerateam kam ins Hotel und drehte ein Interview mit uns und sofort war die gesamte Atmosphäre im Hotel gekippt. Eine sehr sonderbare Stimmung war das. Wir bekamen Rabatt auf die Übernachtungspreise, kostenlose Essensmarken und danach kümmerte sich niemand mehr um uns. Auch die Polizei tauchte nicht mehr auf.

Ohne Visum durch China?

Wir hatten das Problem, das unsere Aufenthaltsgenehmigung in 48 Stunden erlischt und mussten sofort zur chinesischen Behörde zur Verlängerung. Leider bekommt jeder Ausländer bei einem Monat’s Visum Aufenthalt aber nur eine Verlängerung. Wir hatten schon zwei bekommen, brauchten aber noch eine Dritte. Kaum am Polizei Hauptquartier der Millionenstand angekommen, trafen wir wieder auf den Beamten, der uns Nachts uns dem Schlaf riss. Wir fragten nach der Visum Verlängerung. Sofort hieß es das wir China verlassen müssten per Flugzeug. Wir hielten gegen, das wir das nicht könnten, wir sind auf einer Radweltreise. Es kam zum Streit mit den rauen Behörden und mir rutschte raus, dass China ein scheiß Land sei. Oh, erst überlegen, dann reden dachte ich mir und nun war es zu spät. Die Beamten platzen vor Wut und es gab kein Visum, wir sollten morgen das Land verlassen. Was machen wir jetzt, fragten wir uns, ohne Visum weiterfahren? Wir waren mitten in China, mindestens 2000 Kilometer in jede Richtung. Am selben Tag noch setzten wir uns auf die Räder und fuhren nach Süden, das ganze Risiko auf eine Karte gesetzt. Am letzten Tag unseres legalen Aufenthaltes erreichten wir Leshan, die Stadt am Min Yang Fluss, einem Zufluss des Yangze. Hier befindet sich die größte Buddha Skulptur der Welt. Sie wurde aus einem ganzen Berg gehauen und ist ca. 60 Meter und 1.300 alt.

Der Yangze-Fluss für Hochwasser

Es gibt auch nette Beamte

Hier fuhren wir nun sofort zur Polizei und trafen dort auf einen besonders freundlichen Beamten und schilderten ihm unsere aussichtslose Lage. Nachdem er einige Zeitungsartikel als Beweis gesehen hatte, stempelte er uns tatsächlich eine vierte Verlängerung in den Pass, die es normalerweise gar nicht gab. Wir hatten ein Riesenglück und nun einen Monat Zeit, bis nach Vietnam zu gelangen. Unser nächste Ziel war Kunming im Bundesstaat Yunnan. Seit tausenden Kilometern fuhren wir nur durch Berglandschaften. Ganz China bestand nur aus Berge. Auf 3000 Metern Höhe fuhren wir durch abgelegenste Regionen mit Dörfern, die wohl noch nie Ausländer gesehen hatten. Es war sehr kalt und es regnete seit vielen Tagen. Wie aus dem nichts tauchte ein in feinem Zwirn gekleideter PSB Beamter auf und kontrollierte uns. Nicht nachvollziehbar wo der auf einmal herkam, mitten im Nirgendwo.

Jeglicher Fährbetrieb wurde eingestellt über den Yangze Kyang und es gab keine Brücken

Das Chaos war perfekt

Eines Tages erreichten wir den mächtigen Yangze Fluss und schon aus den Bergen sahen wir die große Gefahr. Das ganze Tal war überflutet und alle Fähren über den Fluss waren eingestellt. Ganze Dörfer standen unter Wasser und Brücken waren weit und breit nicht zu sehen. Wir erfuhren durch Einheimische der Region, dass sich nur etwas Flussaufwärts doch eine Brücke befinden soll. Als wir endlich dort angekommen waren, sind wir ganze 600 Kilometer Umweg über mehrere 3000der Passstraßen gefahren. Jetzt wusste ich, was chinesische Distanzen bedeuten. Nun war der Weg frei nach Kunming, der Stadt des ewigen Frühlings im Bundesstaat Yunnan.

800 Kilometer weiter hatten wir endlich eine Brücke gefunden über den Yangze

Der steinerne Wald

Die Stadt Kunming befindet sich ca. 2000 Meter über dem Meeresspiegel und hat deshalb ein angenehmes Klima mit blühenden Pflanzen und Bäumen rund ums Jahr. Die ganze Stadt ist übersät mit feinen Teeläden, mit kostbaren roten Pu-Erh, Grünen und Jasmin Tee. Auch wir bekamen bei einer Tee Zeremonie eine Idee, wie wichtig der Tee für die chinesische Tradition ist. An mehreren Straßen standen ganze Gruppen von Blinden Menschen in weise Kittel gekleidet. Später erfuhren wir , dass die Leute besonders in der chinesischen Massage-Medizin ausgebildet sind. Mann kann sich direkt an der Straße für wenig Geld behandeln lassen. Der steinerne Wald, ca. 100 Kilometer entfernt war ein ganz besonderes Erlebnis. Über einen Zeitraum von 270 Millionen Jahren formte Erosion durch Wind und Wasser und Wettereinflüsse sowie tektonische Hebung und fallende Meeresspiegel eine bizarre Landschaft aus einem riesigen Kalksteinriff. Überall sahen wir scharfkantige Steinsäulen bis zu 40 Meter hoch in der Umgebung stehen. Enge Pfade führten uns durch ein unübersichtliches Labyrinth, wie ein „Schweizer Käse“.

Exotische Dinge im Kochtopf

Nach weiteren 1.500 Kilometern erreichten wir Quangzhou auch bekannt als Kanton. Diese Region China’s ist berühmt für die vielen exotischen Speisen im Kochtop. Wir konnten uns davon auf mehreren Märkten Quangzhou’s überzeugen. Vor allem Schlangen, große Kröten und Frösche, Schnecken, Würmer, Libellen-Larven, Katzen & Hunde sowie Schildkröten werden für wenig Geld feilgeboten. Selbst verständlich verzichteten wir auf eine Kostprobe, aber von großem Interesse für uns waren die sogenannten „Hundert Jahre Eier“. Diese Hühnereier werden für ca. 3 Jahre in Urin getränkten Lehm mit Kohle und Stroh eingehüllt und so ganz langsam fermentiert. Der Geschmack lässt extrem an dem Begriff lecker zweifeln. Im Gegenteil, das Wasser läuft im Munde zusammen und ein Brechreiz stellte sich ein. Während unserer Kostprobe saßen Chinesen am Nachbartisch und schlürften halb ausgebrütete Eier mit Embryo Küken. Das war genug und wir fuhren weiter.

Schlangen für den Kochtopf - Quangzhou
Sumpfschildkröten für den Kochtopf - Quangzhou
Wattwürmer für den Kochtopf - Quangzhou

Das Freundschafts-Tor

Über Nanning fuhren wir unter extremen Zeitdruck auf die vietnamesisch-chinesische Grenze zu. Ganze 270 Km mit unseren schwer beladenen Rädern, über bergiges Gelände in weniger als 48 Stunden, war unsere Herausforderung. Eine weitere Verlängerung unseres Aufenthaltes sollte es nicht geben, das trieb uns an. Und tatsächlich, nur eine Stunde bevor die Grenze schließen sollte, fuhren wir durch das Freundschafts-Tor nach Vietnam und verließen das Reich der Mitte. Wir hatten es nach über 7.000 Kilometern in vier Monaten geschafft, auf dem Landweg nach Süd-Ost-Asien zu fahren.

Nanning in Guangxi SW Chinas
Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.