Achtausender, Maschinengewehre und Gastfreundschaft Pakistan 1997

Unsere Ankunft in Pakistan

Die große Boing 747 der British Airways landete auf dem Flughafen von Islamabad, welcher zu unserer Überraschung kleiner war, als das Flugzeug selbst. Kaum ausgestiegen, überkamen uns die ersten Eindrücke, der fremde trockene Geruch von Pakistan und die unendlich laute Geräuschkulisse der Stadt. Die pakistanischen Behörden hießen uns herzlich willkommen und wünschten uns alles Gute auf der Reise durch ihr Land. Kaum aus dem Flughafengebäude heraus, wurden wir auf den Boden der Tatsachen gerissen und wir erwachten aus unserem Traum. Der schwere Rucksack, 40 Grad Hitze und der dichte Verkehr sowie die Armut ließ uns am Anfang fast verzweifeln. Dazu beschlich uns das Gefühl, dass wir einen schweren Fehler begangen hatten, nämlich mit Rucksäcken statt mit Rad-Packtaschen loszufahren.

Straßen Szene Nord-Pakistan
Bunt geschmückter Nahverkehr-Bus

Maschinengewehre und Gastfreundschaft

Wer Fehler macht, der lernt und so fuhren wir von Rawalpindi aus los. Es ging an vielen über 2000 Jahre alten buddhistischen Kulturstätten vorbei, von denen wir einige mitten im streng moslemischen Land Pakistan besuchten. Überall wurden wir zum Tee eingeladen, von Ladenbesitzern, Polizisten und Leuten auf der Straße. Die ersten Magenverstimmungen ließen auch nicht lange auf sich warten. Zum Glück wurden wir von einer netten Familie in der Nähe von Mardan für einige Tage aufgenommen, bis wir wieder einigermaßen gesund waren. In der Nacht hörten wir sogar ganz in der Nähe Schüsse und fragten uns, was da los ist. Später zeigten uns unsere Gastgeber ihre Kalaschnikows, welche in Pakistan ein Statussymbol sind. Waffen gehören zum Alltag der Einheimischen, vor allem der Stammes-Angehörigen im Norden. Die Maschinengewehre werden im nahe gelegenen Peshawar hergestellt. Dennoch fühlten wir uns bei den vielen Einheimischen, die uns bei sich übernachten ließen, sehr sicher. Es gibt hier noch die Überzeugung, dass ein fremder Gast mit großer Höflichkeit immer willkommen ist.

Herstellung von Fladenbrot im Lehm-Ofen

Pakistan, eine Männergesellschaft

Während wir nie Frauen sahen, da sie sich im Hintergrund halten und verschleiert sind, landeten unzählige leckere Speisen auf dem Fußboden im Kreise der Männer im Gästeraum. Es gab viel frisches duftendes Fladenbrot mit scharfen Curry’s aus Ziegen- oder Rindfleisch und Okraschoten. Unsere Fahrt ging nach Norden Richtung Batkhela und die vielbefahrene Straße gipfelte in einem knapp 1000 Meter hohen Pass. Oben war das Klima schon viel angenehmer, die Landschaften waren grün und klare Flüsse tosten talwärts. Wir bogen ab ins Chitral Tal und mussten uns immer wieder an der Straße in aufgebauten Checkpoints melden, auch weil die afghanischen Grenze unweit entfernt war. Vor allem aber fuhren wir nun in eine sogenannte Tribal-Zone, wo Stammesfürsten seit Generationen das Sagen haben und nicht die Polizei.

Abenteuer in den Tribal-Gebieten

Kurz vor dem Lowari Pass bogen wir in ein Seitental ein, um über einen kapp 3.500 m hohen Pass ins Swat-Tal zu gelangen. Da die Straße schon längst verschwunden war, hatten wir echt das Gefühl, unsere 50 Kilogramm schweren Räder durch ein ausgetrocknetes Flussbett bergauf zu schieben. Die Situation wurde gefährlich, da wir einen mit einer Kalaschnikow bewaffneten Einheimischen angeheuert hatten, der uns über den verschneiten Pass bringen sollte. Er sagte, er kennt den Weg. Als wir mit ihm hüfttief auf knapp 3.000 Metern im Schnee steckten und er gewaltige Geldsummen von mehreren tausend Dollar haben wollte, überkam uns die Angst und wir brachen das ganze Vorhaben so schnell es ging ab. Als er auch noch auf dem stundenlangen Rückweg in das letzte Dorf in die Luft schoß, rannten wir um unser Leben. Zurück bei unseren Gastgebern der letzten Nacht, planten wir einen Besuch in ein sehr abgelegenes Gebiet, wo wahrscheinlich fast noch nie Fremde waren. Das Hochgebirgstal heist Kumrat, eingebettet wie ein Amphitheater zwischen 5.500 Meter hohen Himalaya-Bergen. Hier fließt ein klarer Fluss durch grüne Wiesen, übersät mit tausenden blühenden Gebirgsblumen in verschiedenen Farben. Im Hintergrund vor der weißen Kulisse der eisbedeckten Berge stehen ca. 100 Meter hohe Himalaya-Zypressen, so mächtig wie die Mammut-Bäume in Kalifornien. Was für ein Anblick!

Panne im Chitral-Tal in einer Tribal Region

Unsere pakistanischen Begleiter waren fischen, während wir durch die magische Landschaft stapften. Wie aus dem Nichts kamen auf einmal zwei paschtunische Teenager auf uns zu und zielten mit einem Maschinengewehr auf uns, obwohl wir die einheimische Kleidung, den Salwar Kameez trugen. Geistesgegenwärtig sprangen wir hinter große Felsen, während unsere Begleiter auftauchten und gleichermaßen mit Pistolen auf die beiden anlegen. In der Luft ist ein Knistern zu spüren – was passiert jetzt? Vorsichtig mit einem Auge beobachteten wir, dass sich die beiden zurückziehen. Diese Leute in den Tribal-Gebieten nennen sich auch Taliban. Zum Glück nochmal gut gegangen!

Wir fuhren nun auf der Straße den Umweg in’s Swat Tal statt über den Pass und auch hier trafen wir auf eine atemberaubende Natur. Unterwegs wurden wir sogar von Polizisten eingeladen, um in der Polizeistube Haschisch zu rauchen.
Da wir beide nicht rauchen, mussten wir leider die Gastfreundschaft der örtlichen Polizei zurückweisen. Es ging weiter über den steilen und schweißtreibenden Shangla Pass. Auf der anderen Seite erreichten wir das bekannte Besham, der Beginn des legendären Karakorum Highways. Fortan waren wir im breiten Indus-Tal unterwegs. Auch hier sahen wir, wie überall auf den Straßen, nur Männer.
Der alte Seidenstraße wurde in jahrzehntelanger Arbeit aus dem Himalaya-Fels gesprengt. Immer wieder unterfuhren wir große Wasserfälle, die sich über der Fahrbahn ergossen. Im heißen Wüstental des Indus mit riesigen Sandbänken und kargen Bergen stoppten wir in Shadial Bazar, einem kleinem Verpflegungsort auf der Strecke nach Gilgit.

Eine schwere Erkrankung

Nachdem Gil aus einem Wasserfall an der Straße getrunken hatte, wurde er so krank, dass ich ihn schnellstens mit einem Auto in’s Krankenhaus nach Chilas bringen musste. Dort wurde er in das örtliche Hospital eingewiesen. Es ging harsch zu mit der Hygiene. Glasampullen für Infusionen wurden auf dem Fliesenboden entsorgt und später mit eimerweise Wasser direkt unter den Betten der Kranken weggespült. Die Infusions-Flaschen wurden an den Gardinenstangen befestigt. Und dennoch konnte sich Gil nach einigen Tagen wieder erholen, vorerst.

Tiefe Täler und gewaltige Berge

Auf dem Weg nach Gilgit stoppten wir an der Raikot Brücke für ein besonderes Abenteuer. Mit einem Jeep fuhren wir eine haarsträubende Piste mit hunderte Meter tiefen Abgründen, ohne Leitplanken versteht sich, steil bergauf. Zu Fuss ging es weiter auf die Märchenwiese am 8.123 m hohen Nanga Parbat, dem westlichsten 8000er im Himalaya. Hier sieht man den Nanga Parbat in voller Größe und wir bekamen einen ersten Eindruck, wie groß ein 8000er wirklich ist. Unten im Indus-Tal ist die heiße Wüste, oben auf der Märchenwiese sind die saftig grünen und angenehm kühlen Wälder und im Himmel stehen die vergletscherten Berge, das ist Pakistans Norden. Der Anblick vom Wald aus hinunter in den gewaltigen Raikot Gletscher und in die 5000 m hohe vereiste Raikot-Flanke des Nanga Parbat ist einfach umwerfend.

Steile Serpentinen auf dem Weg zum Karakorum Highway

Der Karakorum-Highway bis nach China

Wir erreichten endlich Gilgit, die Hauptstadt des Nordens, wo wir im schönen Madina-Guesthouse unterkamen. Als wir in den Gassen der Stadt herumschlenderten, entdeckten wir eine Eisenwerkstatt mit Schweissgeräten. Kurzerhand entschieden wir, das überaus lästige Problem mit den Rucksäcken endlich zu lösen. Wir bauten mit Hilfe der Pakistaner jeder einen Vorderrad-Gepäckträger und in einer der vielen Handwerkstätten ließen wir Vorderrad-Gepäcktaschen anfertigen. Nun waren wir endlich den Rucksack los. Das war auch bitter nötig, denn die größte Herausforderung stand uns noch bevor. Fortan fuhren wir in die wirkliche Himalaya-Bergwelt des Karakorum und des Hunza hinein. Mit Gletschern direkt an der Straße und vielen weit über 7.000 Meter hohen Gipfeln über unseren Köpfen. Hier hatten wir angesichts der gewaltigen Größenunterschiede das Gefühl, zu Staubkörnern zu schrumpfen. Der Höhepunkt war die 80 Kilometer lange Bergauffahrt auf den Kunjerab-Pass oder Karakorum-Pass mit knapp 4.800 Metern Höhe. Noch nie standen wir mit unseren Rädern dem Himmel so nah. Ganz kurz, mit einem Fuss auf der chinesischen Seite, ging es auch schon wieder in einer rasanten Abfahrt in’s Tal zurück nach Gilgit

Nach 2 Monaten neigte sich unsere Reise durch das überaus gastfreundliche Pakistan dem Ende zu und es ging in Lahore über die einzige Grenze, die „Wagga Border“, zwischen Pakistan und Indien. Im Gedächtnis behielten wir die vielen gastfreundlichen Menschen die wir trafen und die einzigartigen Landschaften, vor allem aber die Schwierigkeiten des Starts unserer Radweltreise.

Peer Schepanski

Expeditionsreisender, mit naturwissenschaftlichen Interesse und leidenschaftlicher Sammler. Mit zahlreichen Expeditionen, lernte, dass manche Entbehrungen durch ursprüngliche Begegnungen mit Natur und Menschen belohnt werden.